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Zweiter Sonntag nach Erscheinung (15. Jänner 2006) Jo. 2:1-11.

Gleich der erste Satz dieses Evangeliums, das zu den missverstandensten überhaupt gehört, zeigt uns, wie genau wir die Sätze der heiligen Schrift lesen müssen. „Die Mutter Jesu war auch dabei.“ Sie war also nicht einfach nur ein Gast, woraus man fromm schliessen darf, dass sie in einem freundschaftlichen Verhältnis zum Brautpaar stand und also auch bei der Ausrichtung der Hochzeit geholfen hatte, wie es ihre überaus höfliche Art war, denken wir doch nur an den langen Weg zu Elisabeth! Dass dann Jesus und Seine Begleiter eingeladen waren, entspricht auch heute noch der orientalischen Gastfreundschaft.

Zu dieser gehört auch der Wein. In der damaligen Zeit gab es keinen (womöglich nur zweiwöchigen) Jahresurlaub. Der ist die unchristliche Frucht einer unmenschlichen industriellen Revolution. In der alten Welt, die in diesem Punkt bis in das 18. Jahrhundert dauerte, hatten die meisten Menschen in der katholischen Welt viel mehr Feiertage als heute, wo wir um jeden nicht sonntäglichen freien Tag kämpfen müssen. In der Antike war also die Hochzeit nicht nur eine Teilnahme am Anfang eines gemeinsamen Lebensweges und einer Familiengründung, sondern auch Urlaub, in diesem Falle ein siebentägiger.

Christus bei einem siebentägigen Gelage? Wie sehr passt da dem Pharisäer in der modernen Welt das heute übliche Hochzeitchen, das Samstag um 14 Uhr beginnt und die Brautleute am Abend in die Flitterwochen entlässt, während der Rest der Gesellschaft sich betrinkt und am Sonntag die Messe versäumt. In der heutigen Zeit mit überreichlicher Freizeit, die meist ungeistig, sehr passiv oder sehr aktiv verbracht wird, weiss man nicht mehr zu feiern und entwickelt entsprechend verlogene Auffassungen über die, die es noch können.

Johannes der Täufer wäre vielleicht der Hochzeit ferne geblieben, aber Christus, der eben gerade aus der Wüste und dem Fasten kommt und begonnen hat, seine ersten Schüler um sich zu sammeln, ist kein finsterer Traditionalist. So sehr Er hart und unerbittlich am Willen Seines Vaters festhält, so liebevoll und menschlich ist Er, Der mindestens zweimal die Menge mit überreichlich Brot sättigen wird, und Er erfreut sich auch an der Freude des Menschen. Die Freude ist ein Geschenk Gottes, sowie der (richtige) Humor!

Dass Christus bei dieser Hochzeit nur teilgenommen hat, um die Ehe als Sakrament einzusetzen, ist Irrsinn. Ein Wort von Ihm hätte genügt. Nicht für alle Sakramente liegt ein direktes – schriftliches! – Wort Christi vor. Natürlich bedeutet alleine die Anwesenheit Christi einen Ausdruck Seiner Wertschätzung für das, was Er einmal zum Sakrament erheben wird, aber Er war nicht deswegen dort!

Sehen wir einmal, was geschah. Eine mittelprächtige Katastrophe nahte, denn der Wein ging zu Ende. Ohne Wein kein Fest, das ist schon seit Noë so gewesen. Maria scheint die erste gewesen zu sein, die es bemerkt hat. Das ist typisch für sie. Während die anderen sich dem Genusse hingeben, sitzt sie als perfekte Mutter dabei und bemerkt den drohenden Mangel. Fernab, dass sie gar nichts getrunken und gegessen hätte, wie es Pietisten gerne sehen! Das wäre unhöflich gewesen, wie es heute noch im Mittelmeeraum – und nicht nur dort – als Beleidigung gilt, nichts oder nur ganz wenig zu konsumieren. Sie sagt: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Dass sie dabei auf ein Wunder hoffte, kann ganz und gar nicht ausgeschlossen werden, denn es gab ja keine andere Möglichkeit.

Die Antwort Jesu ist nicht ganz so unfreundlich, wie es auf den ersten Blick aussieht, aber freundlich ist sie auch nicht, was ein wenig verwirrend scheint. Wir müssen hier genau sein: Quid mihi et tibi est, mulier? nondum venit hora mea. Die Anrede mulier, Weib, Frau, ist in der Antike ganz und gar nicht unfreundlich gewesen. So hat man damals sogar eine wirklich geliebte Ehefrau angesprochen. Christus ist über dreissig, Er muss sie nicht mehr brav als Mama, Mami oder Mutti bezeichnen. Seine Mission hat begonnen und Er fragt ganz einfach: quid mihi et tibi est? Luther übersetzt das mit: „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ Der Schott (!!!) ganz ähnlich. Das ist aber falsch. Die richtige Übersetzung lautet: „Was geht mich oder dich das an?“ Man könnte heute sagen: „Na und? Lass mich in Ruh!“ Das ist eine klare Absage, die Er mit der noch nicht gekommenen Stunde begründet. Daraus wird klar, dass Er in dem, vom Vater vorgegebenen Programm keinen Hinweis auf diese Hochzeit sieht.

Nun muss man aber unterscheiden: So eisern und so hart der Wille Christi ist, wenn es darum geht, den Willen des Vaters zu erfüllen, so wenig widerspricht das Seiner Liebe. Petrus wird ersteres zu spüren bekommen, wenn er Christus von Seinem Weg abbringen will: „Weiche von Mir, Satan!“ (Mt. 16:22-23). Christus weiss von keiner Aufforderung des Vaters, hier und nun Sein erstes Wunder zu wirken. Auch die Gottesmutter muss sich im Klaren sein, dass die Zeiten, wo ihre braver Sohn auf jeden Wink reagiert hat, vorbei sind, aber sie kennt Ihn! Liebloser Dienst nach Vorschrift ist im Klerus häufig, bei Christus unvorstellbar. In Seinem Programm steht nirgendwo, dass Er hier nicht ein „Luxuswunder“, wie man es schon genannt hat, wirken kann. Der Überfluss ist Christus nicht fremd, im Gegenteil, nach der Speisung der Fünftausend bleiben zwölf Körbe übrig. Sie kennt Ihn also und weiss um den Ernst Seiner Verneinung, weiss aber auch, dass Er eben nicht nur übernatürlich, sondern auch menschlich ist. Einer Mutter kann man nichts abschlagen, einer perfekten erst recht nicht. Auch das weiss sie und sagt einfach zu den Knechten: „Was immer Er euch sagt, tut es!“ Der liebe Sohn reagiert Seiner Mutter zuliebe mit einer privaten Machttat, ausserhalb Seines Programms, also mehr als Dienst nach Vorschrift. Er verschiebt weder Seine Stunde, noch gehorcht Er Seiner Mutter, Er erfüllt ihr nur den Wunsch und das im Überfluss:

Jeder der hydriae, der Steinkrüge, hatte eine Kapazität von zwei bis drei Mass. Das entspricht nicht dem bayrischen Mass Bier, also einem Liter, wie es die Manichäer gerne sähen, sondern die metretae, dem hebräischen Bath gleich entsprachen 39,39 Litern. Jeder dieser Krüge fasste also mindestens hundert Liter und sie wurden bis zum Rand gefüllt (die Diener waren gewohnt zu gehorchen, auch dem merkwürdigen Befehl, die Krüge mit Wasser zu füllen, wenn Wein vonnöten war). Christus stellte also in einem winzigen Moment sechs Hektoliter Wein her. Es ist müssig, schliessen zu wollen, wieviele Gäste anwesend waren, denn auch sechs Hektoliter, über mehrere Tage verteilt, reichen nicht weit. Ein normaler und an Wein gewöhnter Mensch ist nach zwei Litern, über den ganzen Tag verteilt, immer noch nüchtern, ja sogar durstig. Christus, Der nicht sparsam gibt, war also bei keiner übergrossen Hochzeit. Jedes Gerede über sinnlose Trunkenheit oder Rausch ist schlicht und einfach pharisäisch und ignorant. Als ob Christus nicht wüsste, was Er tut!

Daher ist auch die Bemerkung des Bräutigams nach dem Verkosten des Weines nicht – wie in vielen Exegesen – ein Scherzwort und der Bräutigam spricht auch nicht eine „Sitte“ an, die sich für damals nicht nachweisen lässt, sondern den Hausverstand. Egal wovon: je mehr, desto abgestumpfter sind die Geschmacksknospen, weswegen Weinverkostung auch am besten um elf Uhr Vormittag auf nüchternen Magen stattfindet.

Das Beglückendste an diesem wunderschönen, antimanichäischen Evangelium ist die offensichtlich werdende mütterliche Schutzmacht der Gnadenvermittlerin und die Tatsache – Johannes weiss was er tut – dass der gar nicht finstere, gar nicht düstere Herrgott auf Erden, ihr die Erlaubnis gibt, sie bei einer Hochzeit zu zeigen, also einem fröhlichen Fest!

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