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Fünfter (nachgeholter) Sonntag nach Erscheinung (6. November 2005) Mt. 13:24-30.

Das erste, was der Herr mit diesem Gleichnis nicht sagen will, ist, dass der Feind kommt, während wir schlafen, zum Beispiel bei einer langweiligen Predigt oder einem lähmenden Vortrag. Wie bei allen Gleichnissen, so darf man auch hier nicht jeder Kleinigkeit einen Sinngehalt geben. Christus macht seinen Aposteln sicher nicht den Vorwurf, geschlafen zu haben, jedenfalls nicht hier, und bis zum Ölberg ist noch ein weiter Weg. Der mehrfache Aufruf zur Wachsamkeit, so zum Beispiel durch Petrus in der Komplet des Brevieres, bezieht sich auf die Sinne, die leicht in die Fallen Satans gehen können, vor allem, wenn sie nicht sobrii sind: nüchtern. In der Nacht eindreiviertel Stunden zu schlafen, wie der heilige Johannes vom Kreuz, ist nicht das christliche Ideal. „Solche Dinge,“ so sagt die heilige Theresa von Avila, „soll man den Heiligen überlassen.“

Gehen wir also von der illustrativen Dekoration in den eigentlichen Sinn des Gleichnisses, dem jenes des Sämanns vorausgeht (Sexagesima).

Das Gleichnis vom Sämann zeigt, dass das Gute nicht überall wirken kann, weil das Böse überall Hindernisse aufrichtet. Der Heiland bringt das erste Gleichnis in ausführlicherer Form wieder, um den Aposteln etwas zu erklären: Die Apostel folgten dem jüdischen Traum von einem Reich Gottes in Herrlichkeit und Heiligkeit. Christus zeigt ihnen, dass es im Reich Gottes auf Erden, das sie in alle Welt bringen sollen, sehr menschlich zugehen wird. Die Apostel sollen davor bewahrt werden, einer Illusion des Vollkommenen zu erliegen und aus Übereifer falsche Entscheidungen zu treffen. Auch das Böse hat einen Sinn im Reich Gottes auf Erden, sonst würde Gott es ja nicht zulassen.

Der gute Mann, Christus, sät guten Samen auf seinem Acker, das Evangelium, Seine Kirche und die damit verbundenen Gnaden. Aus diesen Samen wächst das Reich Gottes, der Weizen. Während die Leute schlafen, kommt nun der Feind, der Widersacher, Satan, der Sohn der Finsternis, und sät heimlich das Unkraut. Vor Gott hat keine Zeit Bestand, also spielt es keine Rolle, dass Christus in den Jahren 23-30 sät und der Teufel dies von Anbeginn tat, tut und tun wird. Der Samen des Unkrauts ist die Erbsünde und die Sünden und die Bosheit der Einzelnen.

Der Weizen wächst also empor und das Unkraut kommt zum Vorschein. Dieses Bild entspricht sehr der Natur, wo auch unter dem Getreide der zunächst sehr ähnlich aussehende Taumel-Lolch (Lolium temolentum), auch Schwindelhafer genannt, wächst, der allerdings kein Brotbacken ermöglicht, weil er nämlich giftig ist. In der Antike glaubte man, es wäre eine Abart vom Weizen.

Nicht umsonst ist das Gleichnis von Jemandem gewählt, dessen menschlicher Verstand, ohne jegliche Anfrage an die göttliche Weisheit, die gesamte Natur um Ihn herum erfasst. So wie sich dieser miese, giftige Lolch hinter dem lebensbewahrenden Getreide versteckt, so tarnt sich das Böse mit dem falschen Lächeln des bösen Menschen, der uns eine falsche Sicherheit in seiner Anwesenheit geben will, sowie der Attraktivität einer Gesellschaft, die mit einem falsum bonum einen in Sicherheit wägen will, sei es die Gesellschaft des Westens mit einem falschen Friedensgefühl in der materiellen Sicherheit für die Vergnügungssüchtigen, sei es die Gesellschaft des Ostens, z.B. der alten deutschen Ostzone, mit einem falschen Gefühl der Sicherheit und Ordnung für die politisch restlos Naiven, sei es die allgemeine Liberalität für den Egoisten. Alleine die Statistik wäre interessant, wieviele Bauern oder Händler in einer Gesellschaft, die das nicht bestraft, den Lolch mit dem Weizen verkaufen würden, ohne jede Beachtung der Todesopfer. Die Zahl wäre erschreckend hoch!

Wichtig ist auch noch, in diesem Gleichnis die Tatsache zu sehen, dass das Böse nur allmählich zum Vorschein kommt, meist wenn man sich daran schon gewöhnt hat. Für den wahren, den gewissenhaften Christen, gibt es eben keine Gewohnheit, die nicht hin und wieder überprüft werden muss.

So sehr uns die Worte Jesu zu einer Schärfung des Gewissens auffordern, so wenig wollen sie die selbstzerstörerische Übertreibung, in der man alles Böse überhaupt mit Stumpf und Stiel ausrotten will, fanatisch, bis in den Tod, wie es das Motto Hitlers war. Das geht gar nicht, und Christus verbietet es auch in der Stimme des Hausherrn: „Ihr könntet sonst beim Sammeln des Unkrautes zugleich den Weizen mit ausreissen.“ Das ist der alte Fehler, selbst der gutwilligen, aber ungeduldigen Machthaber, in der Welt wie in der Kirche: Der dumme Kaiser Joseph II. liess aus falscher Aufklärung, aber auch Sättigung mit Klerikalismus, die halbe österreichische Kirche beseitigen, vor allem Klöster und Konvente, der wahnsinnige Papst Paul IV. liess in seiner paranoiden Angst vor der Häresie das Konzil von Trient unterbrechen und Unschuldige, sogar Kardinäle, einfach verhaften und einsperren. Genau vor diesen Überreaktionen warnt dieses Evangelium. Jegliche Form des Radikalen ist immer Sektierertum, denn so endet geistig derjenige, der die Trennung von Spreu und Weizen NICHT dem ewigen Richter überlässt.

So sagt der kluge Hausherr nun: „Lasset beides wachsen bis zur Ernte.“

Gott lässt sehr viele krummen Zeilen zu, auf denen Er immer gerade schreibt. Es steht uns in keiner Weise zu, Seinen Richterplatz einzunehmen. Wie im Weizenfeld, in dem auch der Lolch wächst, steckt doch in jedem von uns das Böse, in jedem von uns der Sünder, in jedem von uns der Pharisäer.

Der Fleischhauer kann ein Mörder sein und trotzdem die feinsten Schnitzel weit und breit schneiden, der Weinbauer ein schrecklicher Verleumder und trotzdem der Produzent des feinsten Blauburgunders der ganzen Gegend, der Priester kann ein heimliches Verhältnis mit seiner Haushälterin haben und trotzdem brilliante Predigten liefern und die Sakramente sind trotzdem gültig. Wenn einer von uns sich anmasst, in diesem Dorf den Richter zu spielen, dann gibt es bald keine Schnitzel, keinen Blauburgunder, keine herrlichen Predigten und vor allem keine Sakramente mehr. Dass das keine Aktion der Weisheit ist, leuchtet bei dem einfachen Beispiel des einfachen Dorfes mit den einfachen Sündern ein. In Wirklichkeit haben wir diese Situation jeden Tag vor Augen. Wir MÜSSEN mit dem Bösen leben, so wie wir mit BEIDEN Beinen auf der Erde stehen müssen. Diese Zweiheit von Gut und Böse, wie im Weizenfeld, ist nun einmal unser Leben. So ist der Grosszügige oft unordentlich, so ist der ordnungsliebende Präzisionsmensch oft knausrig und kleinkariert, so ist der tapfere Soldat oft ein Gewaltmensch, so ist der Friedliebende oft ein verräterischer Pazifist, so ist der Mitfühlende oft weich und sinnlich, so ist der umgängliche Freund oft ein Feigling, so ist der treueste Freund, der einen schon gerettet hat, anderweitig ein arroganter Snob.

Wenn doch eine gute Tat hundert Sünden aufwiegt, wollen wir dann mit den bösen Eigenschaften auch diese guten vernichten? Können wir überhaupt ein Urteil über den bösen Anteil der Eigenschaften des anderen fällen? Können wir die Proportion ermessen zwischen der Erziehung, dem Grad der in der Kindheit gegeben Liebe, der Qualität der religiösen und moralischen Ausbilung und der alle Taten bestimmenden Intelligenz? Können wir beim menschlichen Weizenfeld den Lolch vom Weizen trennen, den Schwindelhafer vom Hafer?

NIEMALS! Wenn wir nicht lernen, Amt und Person, Tat und Mensch, Wort und Bedeutung, Momentanes und Dauerndes zu unterscheiden, dann werden wir mit dem Unkraut enden.

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