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Zwanzigster Sonntag nach Pfingsten (2. Oktober 2005) Jo. 4:46-53.

Dieses Evangelium entspricht in seiner Symbolkraft dem des dritten Sonntags nach Erscheinung, wenngleich man nicht mit Sicherheit behaupten kann, dass es sich um den selben Offizier handelt. Nicht alles ist im Evangelium aufgezeichnet, nicht alles ist Parallele. Siehe 15. Monatsbrief.

Einundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten (9. Oktober 2005) Mt. 18:23-35.

Die Barmherzigkeit als Schlüssel zum Himmelreich ist der Gegenstand dieses Evangeliums. Ein König hält Abrechnung mit seinen Knechten, von denen einer ihm 10.000 Talente schuldet. Dies lässt sich kaum mehr in heutige Währung umrechnen, damals war es das fünfzigfache Jahresvermögen des Herodes Antipas, König von Galiläa und Peräa, heute wären es mehrere Milliarden Eurotaler. Eine schlicht unbezahlbare Summe.

Der Herr sieht, dass der Knecht nicht bezahlen kann und befiehlt, ihn mit seiner ganzen Familie zu verkaufen, um wenigstens nicht das gesamte ausstehende Vermögen zu verlieren. Das galt nicht einmal als unmenschlich, war es doch schon im Gesetz des Moses vorgesehen (Ex. 22:2), allerdings mit einer Frist von sieben Jahren (Ex. 21:2).

Der Knecht fällt dem Herrn zu Füssen und bittet ihn um Geduld. Der Herr erbarmt sich seiner und unter Ausserachtlassung der Gerechtigkeit vergibt er ihm die ganze Schuld in einem Akt der reinen Liebe.

Was macht der so reich Beschenkte? Er geht hinaus, packt den ersten Schuldner, der ihm begegnet, würgt ihn und verlangt die sofortige Rückzahlung der geschuldeten hundert Denare. Hundert Denare! Ihm sind gerade ein paar Milliarden vergeben worden und er möchte ein paar Hunderter zurückhaben! Der Unterknecht gebraucht die gleichen Worte, die der Oberknecht eben dem Herrn gegenüber flehend geäussert hatte. Noch dazu war das Versprechen „ich werde dir alles bezahlen“ angesichts der Milliarden nicht annähernd so realistisch wie im zweiten Falle. Hatte der Knecht ein so kurzes Gedächtnis? Die Schrift gibt die Antwort: „Jener aber wollte nicht.“

Der Unterknecht hat Glück, nämlich Freunde: Seine Mitknechte erfahren von dem Vorfall und gehen geradewegs zum Herrn, um Bericht zu erstatten.

Man kann sich dessen Reaktion allzu bildlich vorstellen: Er hat gerade dem Oberknecht eine Phantasiesumme vergeben und dieser lässt einen anderen wegen einer Bagatelle einsperren. Er geht in die Luft, er explodiert. Er lässt den Knecht zu sich rufen und schleudert ihm entgegen: „Du böser Knecht!“ Und er übergibt ihn den Folterknechten.

Die Unlogik dieser Art, mit Einsperren und Folter Schulden eintreiben zu wollen, die noch bis in die Neuzeit weit verbreitet war, darf uns nicht davon abhalten, dass Christus hier eine dumme Methode zitiert, um etwas anderes anzudrohen, nämlich die Hölle denjenigen, die nicht vergeben können und nicht lieben wollen.

Der Schlüsselsatz dieses Evangeliums ist: „Jener aber wollte nicht.“

Wir unterliegen einem schrecklichen Irrtum, wenn wir meinen, dass unsere Sünden immer „begangen“ werden, wenn sie doch ebenso oft aus einem Unterlassen hervorgehen.

Sehen wir das Evangelium einmal im Lichte unseres Lebens:

Wir sind alleine schon durch unsere Sünden in der Schuld des Herrn und der Herr wird Vergeltung üben an denen, die ihn nicht um die Erlassung der Schuld bitten. Wir tun das im Beichtstuhl. So vollzieht sich der grosszügige Akt des Herrn hier auf Erden immer wieder, wie im Evangelium. Mehrere Milliarden können uns nicht in den Himmel bringen, aber eine unbereute Todsünde.

Und was machen wir? Kaum, dass Christus uns durch die Stimme des Priesters in der Absolution vergeben hat, gehen wir hinaus und beschimpfen (mindestens geistig) den ersten Gläubigen, der uns begegnet und den wir aus irgend einem Grund nicht mögen, falls wir uns nicht gar einbilden, dass er uns etwas schuldet. Was verspricht uns das Evangelium in diesem Falle?

Das Problem liegt in unserer viel zu pharisäischen Erziehung durch die Gesellschaft, die Eltern, den Klerus, vor allem durch die Routine des ständigen Egoismus. Die üblichen Beichten sollten dem Priester zeigen, was er falsch macht, aber nein, auch er ist blind.

„Ich habe zweimal das Abendgebet ausgelassen, habe dreimal etwas Unsauberes angeschaut und ich habe viermal über andere schlecht geredet, mein Jesus Barmherzigkeit.“ Es fehlt nur noch die Hinzufügung: „Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin, wie diese unzüchtigen Novus-Ordo-Leute.“ Was macht der Priester? Er spricht zehn Minuten über das Verbot, Unsauberes anzuschauen, aber während der ganzen Beichte fällt das Wort Liebe nicht.

Warum hat den der Herr die Milliardenschuld vergeben? Aus Dummheit? Vorsicht! Christus vergleicht sich deutlich mit diesem Herrn! Aus Liebe?

JA! AUS LIEBE!

Die Warnung dieses „Jener aber wollte nicht“ betrifft nur in dritter Linie das Einhalten der Zehn Gebote, in zweiter das Vergeben, in erster aber die Liebe. Was hat denn Christus getan? Er, der absolut Unschuldige, hat sich für unsere Schulden in unsagbaren Qualen ermorden lassen, damit für uns von Gottes Barmherzigkeit etwas übrig bleibt. So sehr liebt Er uns. Wir aber, wir lieben nicht nur zu wenig und dann oft das falsum bonum, das falsche Gut, sondern wir versuchen auch noch, dem Herrn die Schulden zurückzuzahlen. Wir vergessen, dass wir völlig von Christi Barmherzigkeit abhängig sind, so als ob wir wirklich drei oder vier Milliarden bezahlen müssten! Wir müssen uns an Gottes Barmherzigkeit klammern, ernst, aufrichtig, schlicht und demütig beichten, ohne Angst. Stattdessen kratzen wir die unwichtigeren Sünden zusammen, um möglichst etwas erzählen zu können, spenden dann zur Gewissensberuhigung und vergleichen uns in himmelschreiender Selbstgerechtigkeit mit den „lauen Katholiken“, den „ungläubigen Konzilskirchlern“ und den „häretischen Protestanten“.

Dies ist die eigentliche Sünde des Pharisäismus. Vorschriften beachten, Schwächen beichten, die Fehler der anderen aber ins Gedächtnis schreiben, sichtbar spenden, aber so, dass es nicht schmerzt, vor allem aber nur sich selbst lieben, den eigenen Rang, die Stellung, das Ansehen, nicht aber die anderen.

Der Kern jeder Sünde ist ein Nicht-wollen, böser Wille. Man will nicht einem falsum bonum fernbleiben, man will nicht etwas Gutes wirken. Je intensiver die Bosheit, umso grösser die Sünde. Nun sind aber die beiden ersten Gebote des Herrn nicht im Dekalog, sondern im Evangelium der Gottes- und Nächstenliebe, sie sind der gemeinsame Nenner der acht Seligkeiten. Die Sünden der Lieblosigkeit sind also viel schlimmer, als wir das sehen oder sehen wollen. So sollte der Priester eben statt der üblichen Schablonenbeichte das Eingeständnis der eigenen Lieblosigkeit gegenüber Familie, Nächsten und allen anderen zu hören bekommen und es selbst auch beichten. Der einzige Priester, der nie lieblos ist, ist der ewige Hohepriester Selbst!

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