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Zwölfter Sonntag nach Pfingsten (7. August 2005) Lk. 10:23-37.

Die ersten beiden Sätze des heutigen Evangeliums sind aus dem Zusammenhang gerissen. „Alles ist mir von meinem Vater übergeben. Niemand weiss, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und niemand, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ Das erklärt den nächsten Satz. Könige und Propheten wollten Gott sehen, was aber niemand kann. Nur wer Gott voll und ganz erkennt, besitzt die vollständige Weisheit Gottes. Darum besitzt der Sohn dieselbe Weisheit wie der Vater. Deswegen ermutigt Christus die Apostel in ihrem Weg der Demut: „Selig die Augen, die sehen, was ihr sehet.“ Sie blicken tatsächlich auf Gott.

Gerade hier eröffnet sich vielen Gläubigen ein Fehlschluss: „Wäre ich doch nur damals dabeigewesen...“ Gilbert Keith Chesterton gibt die einzig richtige Antwort: „Damals war es nur wenigen Auserwählten gestattet, dem Herrn so nahe zu sein, wir brauchen nur in die nächste katholische Kirche gehen“ (Chesterton starb 1935, aber im Prinzip stimmt seine Äusserung heute noch). –

Nun folgt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Christus wird von einem Gesetzeslehrer angesprochen, um von ihm versucht zu werden. Dies geschah öfters und bedeutete nicht notwendigerweise eine Handlung der Bosheit. Vielmehr waren gerade die Gesetzeskundigen verunsichert bezüglich der rechten Grundeinstellung Jesu, nachdem sie von ihm so viel Ungewohntes gehört hatten.

Er stellt also die wichtigste Frage, die es überhaupt gibt: Wie kann ich meine Seele retten? Auf die Gegenfrage des Herrn antwortet der Fragesteller blitzschnell und auswendig das, was die frommen Juden ständig auf ihren Gebetsriemen und Erinnerungszetteln trugen, statt in ihren Herzen. Jesus bestätigt ihn in seiner Antwort, worauf die in den verschiedenen Schulen umstrittene Frage zurückkommt: „Wer ist mein Nächster?“

Der jüdische Nationalstolz machte es fast unmöglich, jemanden als den Nächsten zu sehen, der nicht frommer Jude war. Diese Herzenshärte, die auch Jesus in der Bergpredigt erwähnt, war sicher das Resultat eines falschen Standesbewusstseins. Die Juden waren nicht dankbar, sondern stolz darauf, das auserwählte Volk zu sein, so wie man das auch im Klerus finden kann. Gleich so vielen Priestern, die nicht bereit sind, einem nicht traditionellen Katholiken zur Verfügung zu stehen, sahen sie den Nichtjuden als Fremden, mit dem man nichts zu tun haben muss. Es gab in ihrer Nächstenliebe keine Weite.

Christus bringt nun ein Gleichnis, das so einfach gehalten ist, dass der Gesetzeslehrer auf die richtige Antwort kommen musste:

Von Jerusalem nach Jericho geht man ca. fünf Stunden, vorbei an Schluchten, Felsen und (damals auch) Gebüsch und Gestrüpp. Es war eine Landschaft, die sehr gut geeeignet war, um Räubern Deckung zu geben. Jericho selbst war seit der Zeit des Elias, in der dort eine Prophetenschule entstand, eine Priesterstadt. Es war daher naheliegend, Leviten und Priester zwischen Jericho und der heiligen Stadt unterwegs zu sehen. Sie kannten die Worte Gottes über die Nächstenliebe sehr gut, aber sie hatten die Liebe nicht. Der Priester sieht den Halbtoten, lässt ihn aber liegen, schliesslich war seine Dienstzeit zu Ende und damit ging ihn das Opfer nichts mehr an. Das erinnert an einen Pfarrer in Wien, der telephonisch nicht erreichbar ist, auch nicht für einen Versehgang (!) und dessen Sprechstunde für eine Gemeinde mit 8000 Mittwoch zwischen elf und zwölf Uhr ist. Das Phänomen ist offenbar nicht neu. So sagt schon Malachias: „Man hängt ja an des Priesters Lippen; aus seinem Mund sucht man Belehrung, Unterweisung; des Herrn der Heerscharen Bote ist er ja. Ihr aber seid vom Wege abgewichen, habt vielen gar Veranlassung zu Straucheln am Gesetz gegeben“ (Mal. 2:7s.).

Man hat damals oft darüber gestritten, ob ein Fremder ein Nächster ist, der Priester und der Levit aber sehen nicht einmal nach. Sie gingen einem Beruf nach, nicht einer Berufung. Glaube, Liebe und Hoffnung spielten für sie keine Rolle, entweder sie waren im Dienst oder eben nicht. Das Priestertum ist eben weder Beruf, noch Steckenpferd, im ersteren hält man sich an Dienststunden und -vorschriften, im letzteren wird die Ausübung des Kultes und der Devotionen Selbstzweck. Das Priestertum ist ein Leben in der Nachfolge Christi, das heisst, zuallererst in der Liebe.

Ausgerechnet ein Samariter auf Geschäftsreise hat nun Mitleid mit dem Halbtoten und teilt mit ihm seine Zeit, sein Gut und Geld und seine Aufmerksamkeit. Der im jahrhundertealten Hass von den Juden dermassen Verachtete, dass sie sicher nicht einmal den Namen des Samariters in den Mund genommen hätten, zeigt nun ein geschultes Gewissen, erinnert sich der Worte des Moses und des Tobias und wendet sein Antlitz nicht ab.

Jesus fragt den Gesetzeslehrer nach dem, der hier der „Nächste“ war. Selbst jetzt nimmt dieser Formalist den Namen des Samariters nicht in den Mund, sondern antwortet mit der Geschraubtheit eines Politikers: „Der, welcher Barmherzigkeit an ihm geübt hat.“ Jesus übergeht die Form der Antwort, Er geht auch nicht auf deren Richtigkeit ein, denn das Wissen um das Objekt der Nächstenliebe hat noch nie welche verliehen, Er gibt die einzig richtige Interpretation des heruntergeleierten Gebotes der Gottes- und der Nächstenliebe: „Gehe hin und tue du desgleichen.“

Was tat nun der Samariter? Wir erfahren im Gleichnis nicht, ob der Halbtote Jude, Samariter oder sonst ein Fremder war, wozu auch? Der Priester und der Levit lassen ihn liegen und der Samariter hilft ihm, gleich welcher Herkunft. Das ist ja der eigentliche Sinn der Nächstenliebe. Ich liebe ja meinen Nächsten nicht, weil er so ein lieber Zeitgenosse ist, oft ist das Gegenteil der Fall, sondern, weil es Gebot Gottes ist. Gott sagt eben: Betrachte jeden Menschen, wie dich selbst. Er ist so wie du Mein Geschöpf, mit einer unsterblichen Seele, die gerettet werden muss. Wieviele Menschen haben die Heiligen der Kirche ohne ein Wort bekehrt, indem sie ihnen zeigten, was die wahre chrstliche Nächstenliebe ist? Wieviele Menschen hat der Klerus der Kirche durch seine Lieblosigkeit, ja Schandtaten entfremdet? Ein durch und durch rechtgläubiger Priester, der völlig der Nächstenliebe entbehrt, ist mindestens so gefährlich wie ein an sich liebevoller Priester, der aber Modernist, Achtundsechziger und halber Hippie ist.

Der Samariter mag nicht so orthodox gewesen sein, aber er erinnerte sich der alten Weisheit: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem and'ren zu“ (vgl. Matth. 7:12). Er erschrickt bei dem Gedanken, dass es ja er hätte sein können, der unter die Räuber fiel, zudem hat er ein Herz. Wen rührt der Anblick eines Halbtoten auf dem Wege nicht?

Man kann sich vorstellen, wieviele Heiden, unter ihren hartherzigen Völkern aufgewachsen, später die Heilsbotschaft Christi schon deswegen voller Freude aufgenommen haben müssen. „Seht, wie sie einander lieben,“ sagte Plinius der Jüngere später über die Christen (heute wird der Satz nur noch in Sarkasmus und Zynismus zitiert).

Christus beweist auch in diesem Evangelium, wie Er geradezu als schmutzig betrachtete Konzepte durch Seine Heilsbotschaft aufwertet und ins Gute verkehrt: Die Juden wollten das Wort „Samariter“ nicht einmal in den Mund nehmen. Seit zweitausend Jahren spricht die Christenheit in Verehrung vom „barmherzigen Samariter“. Cicero weigerte sich, das Wort crux, „Kreuz“ in den Mund zu nehmen. Wir grüssen es als unsere letzte Hoffnung: Ave crux, spes unica.

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