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Fest der Heiligen Familie (9. Jänner 2005) Lk. 2:42-52.

Ist es nicht merkwürdig, ausgerechnet am Fest der Heiligen Familie das Evangelium zu finden, in dem Jesus Seine Mutter und den Ziehvater mit einer, auf den ersten Blick eher ungebührlichen Antwort zum Schweigen bringt?

Jesus ist zwölf und wird damit gesetzespflichtig. Dreimal soll der israelitische Mann zum heiligen Ort der Bundeslade im Tempel zu Jerusalem fahren (Ex. 34:23). Joseph ging, weil er musste und fromm war, Maria musste nicht, nahm aber aus Andacht an der Pilgerfahrt teil, und der Knabe Jesus musste bereits mitgenommen werden. Dies ist aber eine von wahrscheinlich vierzig solcher Wallfahrten vor der Grossjährigkeit Jesu mit dreissig. Warum erwähnt sie Lukas?

Jesus tut das erste Mal Seine Gottheit kund und spricht die ersten Worte in den Evangelien.

Der Massenauflauf der österlichen Pilgerfahrt muss enorm gewesen sein. Man reiste aus Sicherheitsgründen nicht alleine, sondern in Reisegruppen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Maria und Joseph zunächst nicht bemerken, dass Jesus noch in Jerusalem weilt. Sie vermuten Ihn in einer Gruppe Verwandter und Bekannter, eine Tagesreise entfernt. Dort finden sie Ihn nicht und als treusorgende Eltern kehren sie auf dem gleichen Weg nach Jerusalem zurück. Für damalige Verhältnisse war Jerusalem sehr gross und noch dazu von Pilgern aus dem ganzen Land überlaufen. Wer noch nie am Rummelplatz, im Kaufhaus, im Supermarkt oder in der Stadt ein Kind aus den Augen verloren hat, kann sich den Angstzustand Josephs und Mariae kaum vorstellen. Diese Sorge galt weniger der Sicherheit des Knaben, denn um das Paschafest wurden sowohl die Tempelwachen als auch die römischen Garden verstärkt, um Verbrechen und Tumulte zu verhindern, sondern dem menschlichen Hausverstand: Was macht ein mittelloser Zwölfjähriger alleine in der grössten Stadt der Gegend?

Nach drei Tagen des Bangens – und wahrscheinlich halb schlafloser Nächte – finden sie Ihn endlich, und er sagt: „Wusstet Ihr denn nicht....“

Um das verstehen zu können, muss man weiter ausholen:

Jesus sitzt also im Tempel mitten unter den Lehrern. Noch wissen diese nichts von Wundern und einer Bedrohung ihrer gesellschaftlichen Position, und sie behandelten ihn mit der Freundlichkeit der Wohlerzogenen und dem Interesse der Experten. Es war damals üblich, dass die Gesetzeslehrer in den entsprechenden Örtlichkeiten des Tempels ihre Weisheit verbreiteten. Die Zuhörer konnten Fragen stellen, Meinungen äussern und auch widersprechen, was oft zu Diskussionen führte, wobei es an orientalischer Heftigkeit sicher nicht gemangelt hat.

Jesus sitzt nun inmitten der Lehrer, „er fragte sie und hörte ihnen zu“. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass sehr viele Fragen sich auf die Freiheit und Zukunft des israelischen Volkes und den Messias richteten. Der Erlöser selbst sass nun unerkannt dort und beantwortete entsprechende Fragen oder stellte selbst welche, um die Gelehrten auf ihre Fehlinterpretationen der auf den Messias hinweisenden Schriftstellen hinzuweisen. Gemäss der damaligen Einteilung der theologischen Schulen, war Jesus für die anwesenden Gelehrten nicht einzuteilen, er war ein Unbekannter und mindestens 28 Jahre jünger als der jüngste anwesende Schriftgelehrte. Er hätte sie mit viel weniger beeindrucken können, aber darum ging es Ihm natürlich nicht.

Christus erklärt Seiner Familie, dass Er in dem sein musste, „was Seines Vaters ist.“ Damit ist klar der Wille des Vaters ausgedrückt, Seinen Sohn als Zwölfjährigen im höchsten Heiligtum der alten Religion nicht nur anwesend, sondern unter den Lehrern zu finden! Ein der Wahrheit völlig offener Schriftgelehrter hätte sich hier schon weitreichende Gedanken machen müssen. Aber wie man immer wieder sehen wird: Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Noch können sie sagen, sie hätten das nie in einem Zwölfjährigen sehen können, aber 18 Jahre später wird der Erlöser so manchem dieser damals Anwesenden wiederbegegnen!

Maria und Joseph wundern sich nicht minder, „und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan. Siehe, wir haben dich mit Schmerzen gesucht.“

Der Evangelist versichert uns, dass sie Seine Antwort nicht verstanden. Das scheint zunächst merkwürdig. Die Menschen damals, unüberflutet durch Bücher, Zeitungen, Radio und Fernsehen, erfreuten sich eines hervorragenden Gedächtnisses. Man hat in Skandinavien bei der Rückverfolgung der Urfassungen der Edda und der isländischen Sagas festgestellt, dass die mündlichen Traditionen der analphabetischen Bauernkreise genauer waren, als die schriftlichen! Wie sehr muss das nun für die Gottesmutter gegolten haben, die, von jeglicher Erbsünde frei, sich des Vollbesitzes ihrer geistigen Kräfte erfreute? Sie hatte in ihr wahrscheinlich unfehlbares Gedächtnis die Ereignisse der Vergangenheit festgeschrieben: „Gegrüsset seist du, voll der Gnade.“ „Du bist gebenedeit unter den Weibern.“ „Siehe, du wirst empfangen im Schosse und einen Sohn gebären ... Dieser wird gross sein und der Sohn des Höchsten genannt werden, der Herr Gott wird ihm den Thron seines Vaters David geben; herrschen wird er über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seines Reiches wird kein Ende sein.“ „Der Heilige Geist wird herabkommen über dich und die Kraft des Höchsten dich überschatten; darum wird auch das aus dir geborene Heilige Sohn Gottes genannt werden.“ Elisabeth: „Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! Woher kommt mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Diesen Worten folgt Mariae berühmtes Magnificat. Kurz darauf die Prophezeiung des Zacharias im Benedictus. Es folgen die Engel bei der Geburt Jesu und die Anbetung der Hirten. Auch hier heisst es: „Maria aber bewahrte all diese Worte und überlegte sie in ihrem Herzen.“ Simeon, dem versprochen ward, er würde nicht sterben, bevor er den Gesalbten des Herrn (= Christus) gesehen hatte. Simeon spricht nun das Nunc dimittis. „Simeon segnete sie und sprach...: Siehe, dieser ist gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird: aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen.“ Drei Monate später folgte die Anbetung der drei Weisen aus Babylon.

All dies hatte Maria perfekt im Gedächtnis. Was für sie so überraschend gewesen sein muss, war der Zeitpunkt des ersten öffentlichen Auftretens ihres göttlichen Sohnes. Sie wusste, dass ihr Sohn der Auserwählte war und nimmt in ihrer vollkommenen Demut Seine Erklärung an und fügt sich Seiner ersten Zugehörigkeit zu Seinem wirklichen Vater im Tempel. Was als Frage offen bleibt und im Evangelium nicht beantwortet wird: Warum hatte Jesus Maria und Joseph nicht vorher sein Verbleiben im Tempel angekündigt?

Das Fest der heiligen Familie, das sehr jung ist, kann daher nur in dem folgenden Satz erklärt werden: „Er ging mit ihnen hinab, kam nach Nazareth und war ihnen untertan.“ Achtzehn Jahre war Er still, demütig und gehorsam ihr Sohn und „nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen“. Jetzt, wo sie wussten, Er gehört dem göttlichen Vater, hatten sie das glücklichste Familienleben jemals. In Seiner vollkommenen Demut erlaubte der Gottessohn nicht, dass Seine menschliche Weisheit, mehr als vom Vater geboten, die göttliche in den Reifungsprozess einschloss!

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