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Achtzehnter Sonntag nach Pfingsten (3. Oktober 2004) Mt. 9:1-8.

Unser Herr kommt im heutigen Evangelium in „seine“ Stadt, womit Karphanaum gemeint ist, die Stätte seines frühen Wirkens und nicht Nazareth. Er findet sich – offenbar wie üblich – im Hause des Petrus (cf. Mk. 1:29). Sogleich belagert eine Menge unseren Herrn, „so dass sie sogar der Platz vor der Tür nicht fasste, und er redet zu ihnen das Wort“ (Mk. 2:2). Woran erkannte Jesus „ihren Glauben“? Matthäus sagt nichts darüber. Markus hingegen schildert, wie die Träger der Bahre mit dem Gelähmten an der Menge nicht vorbeikommend, auf das Dach steigen, „und, indem sie eine Öffnung machten, liessen sie das Bett hinab“ (Mk. 2:4). Die Träger des Gelähmten müssen sehr von Christi Macht überzeugt gewesen sein, um diese Mühe auf sich zu nehmen.

„Sei getrost, Sohn! Deine Sünden werden dir vergeben.“ Dieser Satz mag zunächst überraschen. Die Träger der Bahre wollen doch die Heilung des Gelähmten! Aber hier beweist Jesus Seine Fähigkeiten, sowohl als Prophet, als auch als Arzt, vor allem aber als bevollmächtigter Gottessohn. Im Gegensatz zu den Pharisäern glaubt Christus nicht, dass alle Krankheiten eine Folge eigener Sünden oder gar Sünden der Vorfahren wären (Jo. 9:2-3). Er ist der Überzeugung, dass der Satan, dieser „Menschenmörder von Anbeginn“ (Jo. 8:44) hinter jeder Krankheit steckt. Christus sieht eben die Natur und Übernatur ständig im rechten Verhältnis und Zusammenhang und weiss daher um den Urheber aller geistigen und materiellen Übel in dieser Welt.

Trotzdem dürfte die hier vorliegende Lähmung etwas mit der Vergangenheit zu tun haben. Als Arzt weiss Christus, dass die seelische Verfassung eines Menschen für den Heilungsprozess ausschlaggebend sein kann. Er achtet nicht nur auf die Symptome, sondern blickt in den Hintergrund, in die Seele. Jeder wirkliche Arzt weiss, wie sehr jeder Heilungsprozess von der Seelenhaltung des Menschen abhängig ist. Die für jede Heilung notwendige Harmonie zwischen Körper und Geist kann fast immer nur die Religion geben: Hier ist von der wirklichen Religion die Rede, nicht die Hobbyreligion der ununterbrochenen Wallfahrer und Wunderjäger oder die Religion des „die Not lehrt beten“ derjenigen, die immer nur um eigene Vorteile bitten, die sie wahrscheinlich sogar lieber hätten als Gott. Die wahre Religion ist am besten ausgedrückt in dem willentlichen Zusammenleben mit dem fiat voluntas tua, Dein Wille geschehe! Hier ist weder die Rede vom orientalischen kismet, der unsinnigen Schicksalsreligion, noch dem Hochmut desjenigen, der glaubt, alles selbst tun zu können und zu müssen.

Offenbar gibt es irgendeine Sünde in der Geschichte des Gelähmten, die ihn niederdrückt und ihm sogar den Glauben nimmt: Jesus sieht „ihren“ Glauben, also den der Träger der Bahre; was den Kranken angeht, so ist keine Rede von Glauben. Christus, der Prophet, weiss natürlich, welche Sünden den Kranken bedrücken und er nimmt ihm die Last ab, in der vom Vater gegebenen Vollmacht. Die Liebe unseres Herrn dehnt sich auf alle Sünder aus, nur wer seine Sünde nicht erkennen will, dem versagt er sie.

Einige der Schriftgelehrten – die sicherlich weniger, um das Wort Gottes zu hören, als aus Neugierde anwesend waren – interpretieren die Sündenvergebung fast schon automatisch gegen Christus: „Der lästert Gott.“ –

Die Schriftgelehrten müssen von den Pharisäern unterschieden werden. Vereinfacht gesagt, waren die Pharisäer die Praktiker und die Schriftgelehrten die Theoretiker, die für die Praxis alles mögliche aus der Schrift herauslasen oder in sie hineinlasen.

Diese Schriftgelehrten waren hochgebildete, machtvolle Lehrer und Richter, denen der Titel Rabbi zukam. Sie hatten lange Studien hinter sich, in denen nicht nur die Tora zu lesen war, sondern tausende nicht aufgezeichnete kleine Vorschriften auswendig zu lernen waren. Im Mindestalter von vierzig konnten sie dann durch Handauflegung anderer Schriftgelehrter „geweiht“ werden, womit sie den von Moses ausgehenden Geist des Gesetzes erhielten und imstande waren, zu richten.

Stolz waren sie und voller Verachtung für einen „Ungebildeten“ wie Jesus, der nicht durch ihre langjährige Schulung gegangen war. Entsprechend sind sie empört, dass Christus sich hier anmasst, Sünden zu vergeben. Das war auch unerhört in dieser Zeit. Selbst die Propheten, die Wunder gewirkt, die das Strafgericht Gottes verkündet, die selbst Könige zurechtgewiesen hatten, unternahmen nie den Versuch, Sünden zu vergeben.

Christus brauchte nicht Seine göttliche Allwissenheit in Anspruch nehmen, um diese Gedanken der Schriftgelehrten zu lesen. Ihre Mienen müssen schon Bände gesprochen haben. Jeder kann die vergebenden Worte Christi sprechen und niemand kann sehen, ob sie irgendetwas bewirken. Nun ist aber die Reihenfolge der Beweis für die Gottsohnschaft Jesu: Zuerst vergibt Er die Sünden des Gelähmten und dann wirkt Er das Wunder. Er nennt selbst den Grund: „Damit ihr aber merket, dass der Menschensohn Vollmacht besitzt, auf Erden Sünden nachzulassen.“ Tatsächlich ist der Ablauf der Ereignisse ein Beweis dafür, das Christus zumindest der erste Auserwählte Gottes ist, denn würde Er unberechtigt und daher blasphemisch die Vergebung der Sünden aussprechen, dann könnte wohl kaum das Wunder folgen: „Und er stand auf und ging fort in sein Haus.“ Das sichtbare Wunder bestätigt so die Vollmacht Christi, Sünden zu vergeben.

Die zusehenden Schriftgelehrten wurden so Zeugen eines hieb- und stichfesten Beweises der Auserwähltheit Christi. Sie hatten gelernt, theologisch zu denken und wurden Zeugen des Wunders. Die einzige Erklärung für ihre Starrheit ist aus den Worten Christi zu lesen: „Warum denkt ihr Böses in euren Herzen?“ Diese Worte sind sehr ernst zu nehmen. Würden wir bei einem Menschen vermuten, dass ihn Böses treibt, so bliebe es bei der Unsicherheit, die sich aus der Tatsache ergibt, dass wir nicht in sein Herz schauen können. Christus aber hat diese introspectio, diese Schauung, und seine Worte sind daher der eindeutige Beweis für die Bosheit der anwesenden Schriftgelehrten: Nicht die Wahrheit ist für sie das entscheidende Gut, sondern ihre Position in der Gesellschaft. Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein.

Dieses Wunschdenken beherrscht ja heute noch die Menschheit. Das weiss jeder erfahrene Priester. Eines der schlagendsten Argumente, zum Beispiel, für die Realpräsenz in der heiligen Messe ist das Hostienwunder von Lanciano, wo angesichts eines – offenbar unschuldig – zweifelnden Priesters die Hostie zu einer Scheibe Fleisch wurde, im Zentrum aber weisse Hostie blieb und der Kelch Blut enthielt. Diese heiligsten Reliquien jener nie zustande gekommenen Messe, sind heute noch frisch und wurden unter Paul VI. unter dem Mikroskop untersucht. Die Hostie erwies sich als die waagerechte Schnitte aus einem menschlichen Herzen. Nichts kann an diesem Wunder bezweifelt werden und trotzdem kann man als Priester die absurdesten „natürlichen“ Erklärungen hören! Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein.

Das im heutigen Evangelium anwesende Volk reagiert hier offener. Sie kommen zu keiner genauen Schlussfolgerung. Sie fühlen gemäss dem, was sie sehen und erkennen können. Natürlich sehen sie die göttliche Natur Christi nicht, fühlen aber zumindest die Kraft Gottes in jemandem, dem Er „solche Macht verliehen hat.“ Daher auch ihre Furcht.

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