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Neunter Sonntag nach Pfingsten (1. August 2004) Lk. 19:41-47.

Der Pilger, der sich früher einmal Jerusalem näherte – heute wird man das wohl etwas anders sehen müssen – freute sich gar sehr, das Ziel seiner mühsamen Pilgerfahrt erreicht zu haben, Christus aber weint beim Anblick Seiner Stadt. Er weint nicht über den Kalvarienberg, den Ort Seiner bevorstehenden und unvorstellbaren Leiden, Er weint nicht über Seine kommende Verurteilung durch einen römischen Bürokraten, dem seine Karriere wichtiger ist als ein Toter mehr oder weniger. Er weint über das künftige Schicksal der Stadt, die Seine Gnade ablehnt und deshalb im Jahre 70, vierzig Jahre nach der Ermordung des Menschensohnes das Strafgericht erhalten wird: Kaiser Titus wird die Stadt umzingeln, aushungern, einnehmen, zerstören und seinen Feldzug im Titusbogen am römischen Forum, den die Juden heute noch nicht durchschreiten, verewigen. Genau, wie Christus es in diesem Evangelium beschreibt, war er vorgegangen und hatte keinen Stein auf dem anderen gelassen. Jerusalem nach Titus Feldzug muss einem Zweifel gegeben haben, dass die Stadt jemals bewohnt war. Natürlich weint Christus nur nebenbei über den Untergang der schönen Stadt. Er ist nicht der Erlöser der Städte oder der Architektur, sondern der Menschen. In dieser Stadt, die seine Erlösungsgnade so kollektiv zurückweisen wird, sieht er die unzähligen Menschen, die vorher und nachher individuell dem Satan ihre Seele so überlassen, wie die einstmals so mächtigen Priester dem Titus die Stadt. Wie jeder Mensch, so wehrten sich auch die Juden gegen die Römer, aber wie jeder Mensch waren sie ohne die Gnade des Himmels zum Scheitern verurteilt.

Christi Tränen sind keine Sentimentalität für Seine „Hauptstadt“, sondern Ausdruck Seiner – im zeitlichen Sinne – enttäuschten unendlichen Liebe für die Menschheit, die er zu diesem Zeitpunkt seit ungefähr 37 Jahren teilte.

Dann geht unser Herr in die Stadt und in den Tempel und sieht die Tische der Händler und Geldwechsler. Man muss verstehen, dass die angebotene Ware mit dem Tempel und dem Gottesdienste zu tun hatte, dafür sorgten schon die buchstabengetreuen Pharisäer und ebenso waren die Tische der Geldwechsler nicht irgendwelche Banken im modernen Sinne, angesichts derer jeder Pharisäer erbleichen würde, sondern jene Tische, an denen die profane Münze gegen die dem Tempel entsprechende heilige Münze ausgetauscht wurde – nicht ohne, aber im Vergleich zu modernen Banken bescheidenen, Profit.

Der Platz war nicht der richtige. Genauso wie ein Kitsch-Souvenir-Laden in der rechten hinteren Ecke von St. Patrick's in New York – zusammen mit den neuliturgischen Scheusslichkeiten – die Ruhe des Tempels stört, war dies in Jerusalem der Fall. Christus geht scharf dagegen vor. Das hiesige Evangelium verschweigt, was Johannes uns versichert (2:14-15):

„Er fand im Tempel die Verkäufer von Ochsen, Schafen und Tauben und die Wechsler da sitzend. Da machte er eine Geissel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus, auch die Schafe und Ochsen und stiess die Tische um und verschüttete das Geld der Wechsler.“

Hier ist Christi gerechter Zorn und Seine Wut deutlich bezeugt.

Um den Tempel, der so entweiht worden war, wie auch der Verkauf des Heiligen, die Simonie alles entweiht, wieder heilig werden zu lassen, lehrte Er, der wahre Rabbi „täglich im Tempel.“

Obwohl die meisten Seiner Zuhörer vielleicht Seinem Worte gegenüber durch Verblendung, Stolz und einfaches Desinteresse immun blieben, so lässt Sich Christus nicht entmutigen: Wie Pius X., der eine ganze Nacht sich ruhelos wälzte, weil er nicht wusste, wie er am nächsten Tag einen Priester retten sollte, der austreten wollte, so gab Christus – menschlich gesehen – nicht die Hoffnung auf, die Anwesenden zu erleuchten. So manch anderer Papst mit dem Namen des Pius hätte diesen Priester der Bürokratie und damit dem Untergang ausgeliefert. Pius X. war erfolgreich. So hatte es Christus vorexerziert. Die ergrauten weisen und geweihten Männer verschliessen ihr Herz, das Volk liebt Ihn.

Und doch zeigt uns diese Schriftstelle noch etwas sehr persönliches über Christus, das nur wenige Menschen gewillt oder imstande sind zu sehen:

Jesus zeigt uns in diesem Evangelium Seine Tränen, Seine Trauer und Seine Bestürzung, danach zeigt Er uns Seinen gerechten Zorn und Sein Durchsetzungsvermögen, indem Er die Händler im Tempel nicht in dem – von Paul VI. gewünschten Dialog – von der Unrichtigkeit ihres Handlungsortes zu überzeugen versucht, sondern sie mit Ruten (!) aus dem Tempel treibt. In der Passion wird Er uns Seine Schmerzen zeigen und im Johannesevangelium zeigt Er uns Sein Selbstbewusstsein: „Bevor Abraham war, ICH BIN“ (8:58). Sogar eine Direktheit findet man bei Ihm, mancher Mensch würde sie als Frechheit bezeichnen: „Wusstet ihr denn nicht, dass Ich in dem sein muss, was Meines Vaters ist?“ (Lk. 2:49)

Wenn man in jenem Punkt der Leidenschaften und der Emotionen, eigentlich aber in dem Ausdrucke Seines Gemütes das Evangelium durchsucht, dann findet man in der Biographie des Menschensohnes eine eigentlich sehr grosse Lücke. Es handelt sich um eine Unterlassung oder sogar bewusste Vorenthaltung einer grundsätzlichen menschlichen Eigenschaft, die gar nicht das Resultat der Erbsünde sein kann – denn dann könnte sie Christus nicht haben. Es handelt sich um die erste wahrnehmbare menschliche Eigenschaft im Neugeborenen, um jene Eigenschaft, die eben das kleine Kind von dem Darwin-suggerierten Affen unterscheidet. Es handelt sich um jene Eigenschaft, ohne die wir – aus dem ganz normalen Hausverstand heraus – jeden Menschen zwischen trocken und uninteressant bis bedrohlich einstufen. Es muss sich – wie der grosse Chesterton sagt – bei dieser Eigenschaft um etwas handeln was Christus vor uns verborgen hielt: „Ein Ding gab es, das zu gross war, als Gott es uns gezeigt hätte, als er auf unserer Erde einherwandelte; und manchmal dachte ich, dass es vielleicht sein Frohsinn war“ (Orthodoxy, letzter Satz).

Der Humor, als Ausgelassenheit und derber Witz verstanden, kann gar nicht in Gott sein, aber ist auch im Menschen eher sündhaft. Der Humor aber, der sich an der Komik der Dinge und der Situation erfreut, ist ja der eigentliche erste Beweis des Unterschiedes zwischen dem Menschen und dem Tier. Das kleine Kind kichert, wenn man sich versteckt, wenn man sich ungewöhnlich verhält, es lacht nicht auf Kosten von Anderen, dazu ist es noch zu unschuldig. Und dieser unschuldige, angeborene Humor soll keine Eigenschaft Gottes sein? Ist es nicht Lästerung, wenn man Gott jene Eigenschaft abspricht, die dem Kind unmittelbar nach dem instinktiven Wahrnehmen der Mutterliebe die erste Seligkeit verschafft? Humor ist auch dann nicht in sich schlecht, wenn er auf Kosten Anderer geht, er ist nur defekt!

Maria hatte keinen steifen Papst zum Sohn, der immer nur in Segensgeste starr dreinblickt, wie in pietistischen Darstellungen, sie hatte ein völlig normales Kind, wenn man von der Sünde absieht. Entweder ist der Humor oder die Fröhlichkeit also Sünde, oder Christus hatte sie! „Risus erit in beatis“, „Das Lachen wird in den Seligen sein,“ sagt der heilige Thomas (Quol. 11, 6, ad1m). Die Vision des engelsgleichen Doktors, dass alle seine Schriften Stroh wären – tutto paglia – dürfte sich wohl auf drei Dinge beziehen: Die absolute Einfachheit Gottes, Seine Liebe und Seinen Humor.

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