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Zweiter Fastensonntag (7. März 2004) Mt. 17:1-9.

Im Moment seiner Verklärung zeigt Christus sein wahres Selbst, das Er sonst den Seinen und der Welt verborgen hielt. Denn der Sohn Gottes hat vom Moment der Empfängnis im jungfräulichen Mutterschoss an die selige Gottanschaung und nicht, wie Johannes Paulus II. glaubt (11.1.87), erst vom Moment des Kreuzestodes an. Wie sehr die Gnadenvereinigung mit Gott in einem kleinen Menschen schon leuchten kann, beweist der Fall des heiligen Joseph von Cupertino: Dieser Franziskaner war Christus so teuer, dass Er ihm nicht nur Wunder, Prophezeiungen und Ekstasen gewährte, sondern ihn in seiner Zelle so erstrahlen liess, dass die Leute glaubten, der Heilige würde Mengen an teuren Kerzen verschwenden.

Wie dann erst muss Christus leuchten, der Ursprung aller Gnade! So war es also Sein Normalzustand, den Er verborgen hielt, denn Er wollte nicht zu offensichtlich der Gottessohn sein: „Selig die nicht sehen und doch glauben!“

Warum aber erschienen Moses und Elias bei Ihm?

Elias war einer der Vorläufer Christi: In einem Gottesgericht auf dem Berge Karmel errang er den Sieg über die Baalspriester, deren 450 er umbrachte so den gefährdeten Glauben an Jahwe festigte. Abermals verfolgt, kräftigte ihn ein Engel so, dass er in 40 Tagen und 40 Nächten (Fasten Christi!) bis zum Berg Gottes Horeb zurücklegen konnte (3Kö. 19:8). Sein Nachfolger Elisäus sieht ihn in einem feurigen Wagen gegen den Himmel fahren (4Kö. 2:11). Sein persönliches Wiederkommen galt als Zeichen des Kommens des Messias (Mt. 17:12). Elias war einer der grössten Propheten und in diesem Amt repräsentiert er den zukünftigen Stellvertreter Christi, Petrus.

Moses führte die Israeliten aus Ägypten in das gelobte Land. Ihm offenbarte sich Gott im brennenden Dornbusch („Ich bin der ICH BIN.“ Ex. 3-4). 40 Jahre dauerte die Reise der Israeliten (Fasten Christi!), die durch das Manna ernährt wurden (Eucharistie!). Moses Funktion war die des Königs der Israeliten. In diesem Amt repräsentiert er den zukünftigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Dies sieht man auch in der (heute gestrichenen) achten Strophe der Sequenz der Messe zu Ehren von Karl dem Grossen (im mittelalterlichen Latein):

o rex mundi triumphator
ihu xpi conregnator
sis pro nobis exorator
sancte pater karole
O König der Welt, Triumphator
Jesu Christi Mitherrscher
Sei für uns der Fürsprecher
O heiliger Vater Karl.

Dann offenbart Gottvater Selbst Seinen Sohn:

„Hic est filius meus“ (Das ist Mein Sohn): Der Vater erkennt Seinen Sohn.

„dilectus“ (geliebter): Der Vater liebt Seinen Sohn.

„in cui mihi bene complacui“ (an Dem Ich Mein Wohlgefallen habe). Der Vater erfreut sich an Seinem Sohn.

Der Vater erkennt, liebt und freut sich. Das ist die Erfüllung der beatitudo, der Seligkeit.

Ausnahmsweise ist in diesem Punkt der heilige Thomas sich nicht ganz im Klaren über die Fähigkeiten der menschlichen Seele. So sagt er zum Beispiel: „Das Wesen der Seligkeit besteht im Akt des Intellekts, aber das Erfreuen an ihr im Willen“ (Essentia beatitudinis consistit in actu intellectus, sed delectatio eius in voluntate. I, q.26, a.1 o.). 29 Fragen weiter stellt er fest: „Die Seligkeit ist der Genuss Gottes“ (Beatitudo est fruitio Dei. (I, q.95, a.4 c.). Dann sagt er: „Beatitudo est [...] gaudium de veritate“ (Die Seligkeit ist die Freude an der Wahrheit. I-II, q.3, a.4 c.) Und: „Zur Seligkeit bedarf es dreierlei: und zwar die Schau Gottes, das Verständnis und das Erfreuen“ (Ad beatitudinem tria requiruntur: scilicet visio Dei, comprehensio, et delectatio. I-II, q.4, a.3 o.). Einmal ist die Freude im Willen, dann über die Wahrheit und dann schliesslich ist sie eigenes Objekt. Er scheint zu sagen: „Der Wille strebt nach der Wahrheit und in der Seligkeit freut er sich über sie.“ So ist also die Schau Gottes Erfüllung des Willens, das Verständnis Erfüllung des Intellekts und das Erfreuen besteht in der Erfüllung. Das ist die Sicht des Einäugigen, der drei Dimensionen als zwei sieht.

Das Erkennen aber ist eines und das frui, das Geniessen ein anderes. Das Wollen ist eines, das frui, das Geniessen des Erhaltenen ein anderes. Das lateinische Wort für Weisheit führt uns weiter: sapientia. In dem Wort steckt das sapere, schmecken, riechen, fühlen, verstehen. Erkennen ist eben nicht identisch mit der Weisheit, sondern nur ein Teil von ihr.

Wenn man nicht die gesamte klassische Philosophie über Bord werfen will, dann wird man von zwei Prämissen ausgehen müssen: erstens definiert sich jede Potenz, jede Fähigkeit durch ihr eigenes Objekt, zweitens sind die drei höchsten Güter das bonum, verum, et pulchrum, das Gute, das Wahre und das Schöne.

Es gibt kaum eines Diskussion um das Objekt des Guten, dem die Fähigkeit des Willens und das Objekt des Wahren, dem die Fähigkeit des Intellekts zugeordnet ist. Was aber ist mit dem Objekt des Schönen? Abgesehen von zweidimensionalen Formen der Philosophie, in denen die Gleichwertigkeit des Schönen mit dem Wahren und Guten geleugnet wird, ist sich nicht nur die gesamte Antike über die Trinität des bonum, verum et pulchrum einig, sondern auch die Liturgie:

Das bonum der Gnade und das verum der Verkündigung wäre ja auch im Strassenanzug im Wohnzimmer oder Versammlungssaal erhältlich, ist aber in der gesamten Tradition der Kirche undenkbar. Das pulchrum hat in der Liturgie nicht nur die Rolle der Bekleidung des Guten, sondern vielmehr: Die Liturgie ist das Schöne (pulchrum), darum der alte Glaube, dass wir sie von Gott erhalten haben, so wie die Sakramente (bonum) und das Evangelium (verum). Das Schöne kann nicht nur eine Form des Guten sein, denn das Sakrament und das Evangelium sind Teil der heiligen Messe, der Liturgie, und nicht umgekehrt.

Wie wesentlich das ist, zeigt der antike, in der Kirchweihe erhaltene Ritus der Tempelweihe. Der Augur stellt den Mittelpunkt des Tempels fest, concentratio, dann geht er die ganze Ausdehnung des Tempels ab, meditatio (vom Mittelpunkt weg), dann geht er zum Mittelpunkt zurück, conTEMPLatio (Tempel!). Das entspricht genau dem spirituellen Leben und der allerheiligsten Dreifaltigkeit: Im Gebet zum Vater, concentratio, bonum (Vaterunser!), der Meditation der Offenbarung, meditatio, verum (Christus), und der folgenden Kontemplation contemplatio, pulchrum (Hl. Geist). Wie Thomas sagt: „Die Schönheit ist im kontemplativen Leben in sich und essentiell so“ (Pulchritudo est in vita contemplativa per se, et essentialiter. II-II, q.180, a.2, ad 3. Siehe auch I, q.5, a. 4).

Dem Schönen entspricht die reflexive Fähigkeit der Seele, weder Wille, noch Verstand, sondern das, was man sehr gut Gemüt und Kontemplation nennen kann: Sicher ist, dass die menschliche Seele eine eigene Fähigkeit für das Schöne hat, das schon zu oft heruntergespielt wurde: Die Schönheit, das Gefallen, zieht uns an: „Wie glaube ich im Willen, wenn ich angezogen werde? [...] auch durch das Gefallen wirst Du angezogen! (Augustinus, Tract. 26 in Joannem. „Quomodo voluntate credo, si trahor? [...] etiam voluptate traheris). Völlig schön bist Du, Maria. Schön ist sie in ihrer Seligkeit, in ihrem Unbefleckten Herzen! Tota pulchra es Maria ...

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