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Siebzehnter Sonntag nach Pfingsten (5. Oktober 2003) Mt. 22:34-46.

Einer der Gesetzeslehrer unter den Pharisäern wollte Christus versuchen, nicht im Sinne der Versuchung zur Sünde, sondern für eine Wunschantwort auf seine Frage: „Meister, welches ist das grösste Gebot im Gesetze?“ Der Pharisäer will nicht etwas erfahren, sondern – ganz wie heute in Interviews und Diskussionsrunden – entweder mit der gewünschten Antwort seine eigene Meinung bestätigt haben oder durch eine andere Antwort in die Lage kommen, dem Befragten einen Strick daraus zu drehen.

Die Wunschantwort wäre ein Zitat aus dem Buche Deuteronomium: „Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer (Dt. 6:4).“ Wohl lautet der nächste Satz: „Liebe den Herrn, deinen Gott, aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft,“ aber durch das typisch pharisäische Missverständnis der nächsten Anweisungen ging er allmählich unter: „Binde sie Worte als Denkzeichen auf deine Hand und trage sie als Marken zwischen deinen Augen. Schreibe sie auf deines Hauses Pfosten und an deine Tore“ (Dt. 6:8-9). Legalisten und Paragraphenreiter die sie waren, gingen die Pharisäer nun mit einem Stirnband mit diesen Worten und die Juden berührten sie an ihrer Pforte, wie unsereiner das Weihwasser nimmt. Aber genausowenig wie das Weihwasser die Liebe einhaucht, tat dies das Stirnband.

Das höchste Gesetz wäre also der Monotheismus, der Glaube. Christus aber tut diesem Pharisäer nicht den Gefallen, Er will, Er weiss und Er geniesst die Wahrheit, dass der Glaube nicht das Höchste ist, sondern die letztlich einzige Tugend der Liebe, aus der alle anderen nur fliessen. Er unterstreicht nicht nur das, was für die Pharisäer damals und heute zweitrangig war, sondern Er fügt die Unterscheidung der Nächstenliebe in ein und derselben Tugend hinzu.

„An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Hier sagt es Christus ganz klar: Gesetze, Statuten, Regeln und Vorschriften sind nur in der Liebe Ordnung, ohne sie sind sie Terror. Die Propheten sind nur in der Liebe Verkündigung, ohne sie bestenfalls Befriedigung der Neugierde, wie die selbsternannten Seher, Propheten und Botschafter in der heutigen Zeit, schlimmstenfalls scheinbar übernatürliche Bestätigung des lieblosen Gesetzesterrors.

Auch hier deutet Christus Sein eigenes künftiges Schicksal: Die Liebe zu Gott, die vertikale Liebe zum Schöpfer, wartet auf Ihn, der den Querbalken der Nächstenliebe nach Golgotha trägt: Das Kreuz ist das Symbol der Liebe selbst und es ist der Schlüssel, nicht aber das Ziel. Das Kreuz an sich ist nur die römische Hinrichtungsart für Sklaven, so ordinär, das Cicero sich weigerte das Wort in den Mund zu nehmen, einzig Christi höchster Liebesakt, Sein unschuldiges Leben dort für uns zu geben, macht dieses unaussprechliche Wort zum Schlüssel des Himmelreiches. Aber auch Christus starb nicht am Kreuz, um zu leiden, sondern um uns zu retten. Nur für einen Perversen ist das Leiden erstrebenswert, für den Christen aber ist es der Schlüssel zum Himmelreich, ein Schlüssel, der nur in der Liebe funktioniert. Ein Mensch, der sich aus Fanatismus zu Tode geisselt, wird in der Hölle weiterleiden, der Mensch aber, der aus Liebe die von Gott zugelassenen Leiden auf sich nimmt, wird ähnlich dem Märtyrer seine Krone im Himmel tragen.

Christus sagt es auch hier – wie so oft – in der Strenge des Vaters und nicht in der Diplomatie der Verräter: Euer Glaube, eure Gesetze, eure Propheten, das nützt euch gar nichts, wenn ihr nicht Gott liebt mehr als euch selbst und den Nächsten wie euch selbst. Denken wir doch nur an den Schrecken im Gesicht der Pharisäer angesichts der Aufforderung, die Samariter so zu lieben wie sich selbst oder die Empörung im Gesicht des Traditionalisten angesichts der Aufforderung, den versoffenen, von der Bank in die Armut getriebenen Tischler im Nachbarhaus so zu lieben wie sich selbst.

„Hätte ich Prophetengabe, ja wüsste ich alle Geheimnisse, besässe ich alles Wissen, hätte ich allen Glauben, um Berge zu versetzen, doch hätte ich die Liebe nicht, dann wäre ich nichts“ (1Cor. 13:2).

Wie Gilbert Keith Chesterton, der Verteidiger des Glaubens (Pius XI.) sagt, ist der Fanatismus Glaube ohne Liebe. Wie George Santayana (1863-1952) sagt, ist der Fanatismus die Verdopplung der Anstrengungen, wenn man das Ziel aus den Augen verloren hat (The Life of Reason, vol I). Der Katholik, dem es an der Liebe mangelt, er unterscheidet sich nicht wesentlich von den Pharisäern, indem er die Religion zum Selbstzweck macht, sich hinter den Gesetzen versteckt und feige seine klerikale Macht für sich benützt.

Christus durchschaut diese niedrige Gesinnung und fragt: „Was haltet ihr von Christus? Wessen Sohn ist Er?“ Die Antwort ist ebenso auswendig gelernt wie dumm: „Der Sohn Davids.“ Christus weist auf den Psalm 109 hin (Sonntagsvesper), in dem der „vom Geist erleuchtete,“ also inspirierte David, Ihn den Herrn nennt, was wohl nicht aus göttlicher Erleuchtung kommen hätte können, wäre Jesus wirklich nur der Sohn Davids gewesen. Das Wunschdenken der Pharisäer war, Jesus unter die Propheten einreihen zu können, wie das dann der Koran und die modernen Exegeten tun würden, solange sie nur ihre klerikale Macht behielten. Genau wie die Modernisten und viele Traditionalisten, fürchteten sie ja nicht einen Propheten, der ihnen irgendwelche kuriosen Dinge mitteilen würde, sondern nur denjenigen, der sie auf ihre Verfehlungen, ihre Todsünden und ihre Lieblosigkeit hinweisen würde und das mit der nötigen Autorität. Am schlimmsten war ihnen aber der Gedanke des Amts- und Prestigeverlustes. Was hält denn den typischen Klerikalisten in seinem Irrtum? Wieso wollen denn die meisten Bischöfe der Konzilskirche und viele Gurus anderer Bewegungen die Wahrheit nicht sehen? Weil es sie ihr Amt kosten könnte, und das ist ihnen wichtiger als ihr Seelenheil. Der Ausspruch des heiligen Pius X., dass nämlich die meisten Seelen aus Ignoranz in die Hölle kommen, ist ja auf den ersten Blick befremdlich, wenn man bedenkt, dass der Dorftrottel, der nie in seinem Leben etwas versteht, wohl kaum in die Hölle kommen kann, wenn doch Gott seinen Schwachsinn nicht bestraft. Die Antwort auf diese scheinbare Befremdlichkeit bietet das heutige Evangelium:

Jesus sagt den Pharisäern völlig klar, dass die Liebe das erste Gebot ist und Er der Christus, was wir natürlich wieder im Zusammenhang sehen müssen mit dem Johannes-Evangelium (8:58): „Bevor Abraham ward, ICH BIN.“ An dem Zeitpunkt, über den Matthäus berichtet: „Niemand konnte Ihm darauf etwas antworten, und niemand wagte es von diesem Tage an, Ihm eine Frage vorzulegen,“ mussten die Pharisäer, selbst wenn es nicht dieselben waren, in diesem kleinen Klatsch- und Tratschnest diese Antwort Christi schon gekannt haben. Wie alle Menschen, die etwas anderes mehr lieben als die Wahrheit, war ihre Reaktion konsequent: Sie sehen sich gezwungen, die Möglichkeit anzuerkennen, dass sie im Unrecht sind und dieser Zimmermannssohn – was kann denn schon aus Nazareth kommen? – vielleicht mehr ist als nur ein Rabbi oder Prophet, und sie sehen sich in ihrer höchsten Position bedroht, wie jeder, dessen Massstab nicht das Gesetz Gottes ist, sondern sein eigenes. Sie hören nicht die Antwort, die sie sich wünschten und sie beenden daher das Gespräch, um sich nicht weiteren unangenehmen Wahrheiten aussetzen zu müssen. Sie suchen die Ignoranz, die sie in die Hölle bringen wird, wie jeden von uns, der sich nicht korrigieren lässt. Herr, bewahre uns vor der Ignoranz!

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