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Dreizehnter Sonntag nach Pfingsten (7. September 2003) Lk. 17:11-19.

Die Dankbarkeit gehört zu den seltensten Tugenden unter den Christenmenschen, Gott sei es geklagt! Wenn man das Evangelium auch in diesem Punkt als aufschlussreich sehen darf, dann sind gerade zehn Prozent der Menschen dankbar...

Christus heilt also zehn Aussätzige und sie gehen, um sich den Priestern zu zeigen, die die Heilung zu bestätigen hatten. Einer nur kehrt zu seinem Wohltäter zurück, um ihm zu danken. Interessant ist nicht nur der betrübliche Prozentsatz, sondern die Identität des einzigen Dankbaren.

Bei Gott gibt es keine Zufälle, und auch in diesem Lehrfall ist die Übereinstimmung aus der Vorsehung Gottes geplant, denn Gott wirkt kein Wunder aus der Barmherzigkeit alleine. Das kann Er gar nicht. Wenn in Gott alle Eigenschaften eins sind in Seinem absolut einfachen Sein, dann kann nicht nur eine Eigenschaft dem Wunder zugrunde liegen, höchstens im Sinne einer Unterscheidung. Alle Wunder haben auch einen Lehrcharakter. Wie im Gleichnis mit dem barmherzigen Samaritaner, ist das auch hier der Fall.

Den Ausgestossenen gibt es im Christentum nur als schwerste Strafe: selbst die richterliche Exkommunikation macht einen Christen noch nicht dazu, erst der Stand des excommunicatus vitandus, des – per Dekret – zu vermeidenden Exkommunizierten. Die schlechte Praxis, die sich in der Kirchengeschichte immer wieder gezeigt hat und die heute noch existiert, sowohl in der Kirche des Neuen Advents als auch unter den Traditionalisten, erinnert allerdings an den Zustand unter den Juden zur Zeit Christi. Die Samaritaner sind das klassische Opfer der Undankbarkeit und Lieblosigkeit: Als die Juden aus dem babylonischen Exil zurückkehrten, kamen ihnen die Samaritaner freundlich entgegen und wollten sich am Wiederaufbau des Tempels beteiligen, wurden aber zurückgewiesen. Die dadurch entstandenen Streitigkeiten führten dann zur unauslöschlichen Feindschaft. So ist auch unter den Katholiken diese krasse Undankbarkeit sattsam bekannt. Einen grosszügigen Wohltäter zu fragen, was er denn mit seiner Spende bezwecke oder ihm vorschreiben zu wollen, was er zu spenden hätte, oder ihm auch noch Bedingungen zu stellen, das können grosszügige und dankbare Menschen sich gar nicht vorstellen, dennoch wird diese Sünde oft begangen, ja sogar von Priestern, die offenbar nicht sehen, dass sie, unbeachtet ihres ewigen Amtes, gar keine Christen mehr sind:

Das Christentum predigt nicht nur die Dankbarkeit, es ist Dankbarkeit! Jeder wirkliche Christ kennt die Begriffe: Gefallen, Bereitwilligkeit, Zuneigung, Gunst, Huld, Freude, Freundschaft, Dankbarkeit, Danksagung, Nachsicht, Wertschätzung, Popularität, Beliebtheit, Ansehen, Einfluss, Kredit, gratis, Attraktivität, Charme, Charisma, Anziehungskraft, vor allem aber Gnade und Caritas. Alle diese Begriffe haben im Lateinischen eine Übersetzung oder sind in diesem Wort enthalten: gratia, auf griechisch: cháris. Das ist das Höchste im Christentum, wo sich Dankbarkeit und Liebe nicht trennen lassen.

Es ist unmöglich Christ zu sein, ohne das Kreuz und seine Bedeutung als Opfer, Schmerz, Leiden, Reue, Sühne, Hingabe und Gehorsam, wie sich eben durch die Heilsgeschichte das Kreuzzeichen mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit verbindet. Höher aber ist die Liebe, die Freude und die Dankbarkeit, die die Seligen in alle Ewigkeit kennzeichnen. Gratias tibi ago, sagt der Lateiner: „Ich tu dir Dank (Gnade, Gefallen, Zuneigung, etc.).“ So ist auch das Kostbarste was wir auf Erden haben, das Sakrament, auf das alle anderen hinführen, das Wunder Christi, auf das alle anderen Wunder Christi hinführten: Sanctissima Eucharistia! Das Wort eucharistía, in seiner christlichen Bedeutung das Wort für Danksagung und Abendmahl, ist im antiken Griechisch – wie im modernen – ganz einfach die Dankbarkeit.

Im Lateinischen ist dieses Wort nicht nur im Konzept der Gnade enthalten, es ist in der Gedankenwelt der Antike unentbehrlich: grate (gerne), grates (Danksagungen), gratificatio (Gefallen, Belohung, etc.), gratificor (schenken), gratiosus (gefallend, populär, einflussreich, charmant, gefällig, freundlich, nett, zuvorkommend), grator (sich freuen, gratulieren, beglückwünschen), gratulatio (Danksagung, Gratulation), gratus (dankbar), etc. Im späteren Latein, auch dem des Thomas Aquinas ist die Dankbarkeit dann die gratitudo, die nichts anderes will, als die Unterscheidungen der gratia zu erleichtern.

Was ist nun Dankbarkeit? Die Dankbarkeit ist eine spezielle Tugend, die dem Wohltäter gratia zurückgibt (Bleiben wir um der Verständlichkeit Willen bei dem lateinischen Wort gratia, um nicht alle seine Bedeutungen wiederholen zu müssen). In seiner Summa Theologiae bespricht Thomas die drei Schritte der Dankbarkeit (II-II, q.107, a.2,c.): Erstens, dass der Mensch die empfangene Wohltat anerkennt, zweitens, dass er sie lobt und sich dafür bedankt und drittens, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten an richtiger Stelle seine Dankbarkeit durch eine entsprechende Leistung zeigt, z.B. durch die Flasche Wein oder die Blumen für die Gastfreundschaft. Der undankbare Mensch ist vor allem zu letzterem nicht bereit, obwohl er seinen Dank vielleicht ausspricht. Die Wohltat als solche nicht zu erkennen, ist Dummheit oder Irrsinn, den Dank und das Lob nicht auszusprechen oder das Gegenteil zu tun („Was wollen Sie denn mit der Spende erreichen?“), ist Lieblosigkeit und Rüpelhaftigkeit, aber die eigentliche Undankbarkeit besteht in der Unterlassung der Gegenleistung. Das wissen viele Menschen gar nicht, wenn sie in ihren Krämerseelen ein Geschenk als selbstverständlich erwarten und die Forderung nach Gegenleistung mit schlauer Berechnung verwechseln.

Dies führt uns zu dem Samariter zurück: Er, der in den Augen der Juden ein Untermensch ist, zeigt als einziger seine Dankbarkeit. Sehr oft ist auch heute der verachtete Ausländer oder der gnostische Konzilskirchler oder der materialistische Neuheide der erste, der sich bedankt und der Musterkatholik aus der traditionalistischen Gemeinde der letzte. Gerade diejenigen, die glauben, sie wären bessere Menschen, weil sie züchtig gekleidet, mit dem Schott unter dem Arm, der Frömmigkeit im Gesicht und dem lieblos in der Routinebeichte erfrischten Gnadenleben zur einzig wahren Sonntagsmesse gehen, sind oft die undankbarsten Kreaturen, weil sie das Erhaltene sich selbst zuschreiben, statt Gott oder – schlimmer noch – das Gottesgeschenk für selbstverständlich halten. Kann das „Gnadenleben“ dieser Menschen überhaupt noch eines sein? Natürlich nicht, denn ohne gratia keine gratia, ohne Dankbarkeit keine Gnade. Viele undankbare Menschen beichten diese Untugend nicht einmal, weil sie sie – schuldhaft! – nicht erkennen. Das hat Pius X. gemeint, als er sagte: „Die meisten Menschen kommen aus Ignoranz in die Hölle.“ Der Undankbare ist kein Christ!

Wie aber können wir Gott danken? Nicht anders als in den drei, von Thomas erwähnten Schritten: Erstens, in Demut die Geschenke Gottes als gross und unverdient anzuerkennen, zweitens, Ihm dafür im Lobpreis zu danken und drittens, nach bestem Wissen und Gewissen die Gegenleistung zu erbringen, indem wir uns nicht nur heiligen, sondern Ihm auch Freude bereiten durch das eifrige Erfüllen der wirklichen Herzensangelegenheiten Christi und Seiner Mutter: die Verehrung des Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariä.

Immer bitten wir nur! Danken wir Ihm doch zuerst und Er wird uns sogar diese selbstverständliche Pflichterfüllung noch lohnen, so wie Er einzig dem dankbaren Samaritaner die Erkenntnis zuteil werden lässt: „Dein Glaube hat dich gerettet.“

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