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4. Sonntag der Fastenzeit (6. März 2005) Jo. 6:1-15.

Zwischen der Heilung des Kranken in Jerusalem und dem heutigen Evangelium muss mehr liegen als nur ein Punkt und Kapitelanfang, Johannes schrieb sein Evangelium als Ergänzung der anderen drei und setzte – wie wir sehen werden – deren Kenntnis voraus. Der „galiläische See von Tiberias“ ist mehr als drei Tage von Jerusalem entfernt, und einiges muss sich ereignet haben, wo doch die neugierige Menge Ihm folgt.

Hier setzt Johannes voraus, dass man weiss, warum Jesus auf den Berg stieg (Vers 15: „...zog er sich wieder auf den Berg zurück, er ganz allein“).

Nach Matthäus zog sich Jesus zunächst auf ein Schiff zurück, um alleine zu sein (in der Folge der Nachricht vom Tode des Johannes). Die Menge folgte Ihm durch Umrundung des Sees, auf dem Jesus offenbar kreuzte, um die Einsamkeit zu behalten. Warum wollte Er alleine sein? Hauptsächlich, um die Apostel zu schonen, denen nicht einmal die nötige Zeit zum Essen blieb bei dem Andrang der Menge (Mk. 6:30ff.; Lk. 9:10ff.).

Aus dem Ausruhen wird nichts, denn einige hatten gehört, dass Er die Anweisung gegeben hatte, nach Bethsaida zu fahren (Lk. 9:10). Die Menge war vor Jesus am Ufer (Mk. 6:33). Es muss eine riesige Volksmenge gewesen sein, wenn die Evangelisten einstimmig von 5000 berichten und das ohne Frauen und Kinder! Wo kam diese Menge her? Johannes erklärt es mit der anderweitig unzusammenhängenden Bemerkung: „Ostern, das Fest der Juden stand nahe bevor.“ Entsprechend muss es in der Gegend Pilgergruppen in jeder Menge gegeben haben. Dies erklärt aber nicht nur die grosse Volksmenge, sondern zeigt auch den theologischen Zusammenhang des Wunders der Brotvermehrung mit dem Wunder der Heiligen Eucharistie. Die Wunder führen auf das eigentliche Ziel der Erlösungstat Christi hin: Von der Substanzverwandlung des Wassers in Wein zu Kana über die Speisung der 5000 bis zum letzten Abendmahl, wo Er nicht nur die Substanz von Brot und Wein in die Substanz Seines Leibes und Blutes verwandelt, sondern auch vermehrt und den Aposteln reicht; von der Erweckung des Jünglings in Naim über die Auferweckung des schon stinkenden Lazarus bis zu Seiner eigenen Auferstehung zu Ostern. Zu gross sind diese Wunder, als dass man sie ohne wunderbare Einleitung aufnehmen könnte. Der Herr verlangt von uns keinen blinden Glauben. Er hasst die Leichtgläubigkeit, credulitas, ebenso, wie den Unglauben, infidelitas.

Um zu unterstreichen, wie gross dieses Wunder ist und Der, Der es wirkte, präzisiert Johannes die Aussage des Matthäus, wonach die Apostel Ihn bitten, die Leute zu entlassen, damit sie in der Gegend zu essen fänden (Mt. 14:15). Er stellt Philippus auf die Probe: „Wo sollen wir die Brote kaufen, damit diese alle zu essen bekommen?“ Er selbst aber wusste „was er zu tun im Sinne hatte“. Warum dieser Apostel? Johannes antwortet (14:8f.): „Das sagte Philippus zu ihm: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns. Jesus sagte zu ihm: Schon so lange Zeit bin ich bei euch, ohne dass du mich erkannt hast, Philippe? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeige uns den Vater?“

Philippus war offenbar ein wenig dumpf. Wohl wusste er zu diesem Zeitpunkt schon, dass Jesus Gottes Sohn ist, sah aber noch nicht den göttlichen Sohn. So sucht also Jesus ihn aus. Warum aber eine Probe? Jesus muss die Wichtigkeit dieses Wunders hervorheben, indem Er die Ausgangslage unterstreicht: 5000 Männer mit Frauen und Kindern zusätzlich und fünf Brote und zwei Fische, knapp für die Apostel, nichts für die Menge.

Jesus weiss was Er tut. „Veranlasst die Leute, sich zu lagern.“ Da war viel zu organisieren. Wer einmal in Rom 4000 Personen die Heilige Kommunion auszuteilen mitgeholfen hat, weiss, was das bedeutet (und von dem, was schändlicherweise in den Papstmessen geschieht, soll gar nicht die Rede sein). „Und da gebot er ihnen, sie sollten alle sich auf das grüne Gras niedersetzen lassen nach Abteilungen. Und sie lagerten sich reihenweise zu hundert und zu fünfzig“ (Mk. 6:39f.). Hier ist einer der Ursprünge der Liturgie. Sowohl die Modernisten, die an ein spontanes Versammeln glauben, als auch die Spinner, die glauben, der Heilige Geist hätte zu Pfingsten dem Petrus ein Missale Romanum überreicht, verstehen nicht, dass die Liturgie in die Uroffenbarung zurückreicht, ebenso wie in den Hausverstand im Umgang mit Menschen.

Jesus wollte Tumulte vermeiden, und Seine unvergleichliche Autorität ermöglicht es den Aposteln, die Menge zu ordnen. Jesus sagt Dank (elevatis oculos, tibi gratias agens!) und verteilt Brot und Fisch an die Apostel, die es weiterverteilen. Jesus dachte gar nicht daran, den Anwesenden, unter denen sicher viele Arme waren, den Genuss zu verderben. So ist Er nicht, dass Er eine herrliche Welt schafft und dann sagt: „Habt keinen Anteil daran!“ Nicht von der Welt sollen wir sein, aber in ihr. Und so verteilt Jesus „ebenso auch von den Fischen, soviel sie wollten“. So mancher wird an diesem Nachmittag (das ist die Bedeutung des Wortes „Abend“ bei Matthäus) besser gegessen haben als in Monaten! Der Herr zeigt hier zwei Prinzipien: Erstens, dass die Mission das wichtigste ist, denn es sind die Apostel, die Ihn bitten, die Leute nach Hause zu schicken, zweitens, dass die Gnade die Natur voraussetzt und nicht umgekehrt: Wenn 5000 hungrige und daher müde Menschen ihm zuhören, dann hören sie nicht zu. Wenn sie aber gesättigt, ruhig und zufrieden sind, dann sind sie offen für die Sensation der Worte Jesu und Seiner Wunder. Alleine die Tatsache, dass die Leute Ihm folgen, ohne über ihr Essen nachzudenken, zeigt Jesus, dass sie das verstanden, und so gibt Er ihnen, was sie brauchen und das in der Fülle. Es soll den 5000 zeigen, dass der Herr alles gibt, wenn man zuerst bereit ist, seine Pflicht zu tun, nämlich das Reich Gottes zu suchen.

„Sammelt die übriggebliebenen Brocken, damit nichts verloren gehe.“ Gemäss der rabbinischen Vorschrift lässt Jesus alles einsammeln, was mindestens Olivengrösse hatte, und es sind zwölf Körbe. Einen deutlicheren Hinweis auf das Abendmahl kann es wohl nicht mehr geben!

„Das ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll,“ sagen sie und zitieren mehr oder weniger bewusst den Moses im Buch Deuteronomium (18:15,18). Der Schluss der Menge geht aber fehl. Wohl erkennen sie die Auserwähltheit Christi, aber es entgeht ihnen Seine wahre Mission. Nicht, um König Israels zu werden, ist Er gekommen, sondern um die Menschheit zu erlösen. In dem Moment, wo Er bemerkt, dass sie ihn zum König machen wollen, würgt er diesen Revolutionsversuch im Keime ab, indem er sich „wieder“ auf den Berg zurückzieht. Wie Er das angesichts einer solchen Menge schafft, unterlässt der Evangelist zu erzählen, aber entsprechend der vorher gezeigten Autorität über die Menge und angesichts Seiner göttlichen Kräfte, kann man auch diese Unterlassung nicht wirklich als eine solche einschätzen.

Man kann in den anderen Evangelien sehen, dass Jesus sich auch deswegen zurückzog, um den Aposteln eine Ruhepause zu gewähren. Jesus ist kein moderner Fanatiker und erwartet von Seinen Treuen nicht, dass sie bis zur völligen Erschöpfung kämpfen. Wohl waren sie alle zum Martyrium ausersehen, aber eben nicht aus blinder Ergebenheit (Quo Vadis?), sondern aus Liebe und Hingabe. Man kann Liebe und Hingabe nicht erzwingen, indem man den Untergebenen schindet, im Gegenteil! Jesus zog Sich zurück, um Selbst alleine zu sein. Er brauchte die Ruhe und das Gebet, denn noch war Seine Stunde nicht gekommen, zu sterben.

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