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Dreiundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten (7. November 2004) Mt. 9:18-26.

Ein Vorsteher fällt Jesus zu Füssen und bittet um das Leben seiner Tochter. Auch hier ist Matthäus wieder skizzenhaft. Von Markus (5:22) und Lukas (8:41) erfahren wir, dass es sich um Jairus, den Vorsteher der Synagoge handelt oder zumindest um eine der dort tätigen Ratspersonen. Es handelt sich jedenfalls um eine der angesehensten Personen in der damaligen Gesellschaft. Jesu Ruf ist also gewachsen, dass jetzt nicht mehr nur das einfache Volk zu ihm kommt.

Lukas (8:42) ist noch genauer und belehrt uns, dass es sich um die ungefähr zwölf Jahre alte und einzige Tochter des Jairus handelte. Es ist also allzu verständlich, dass dieser hohe Herr sich nicht scheut, Jesus in aller Öffentlichkeit zu Füssen zu fallen. Sein Glaube ist echt: „Aber komm und leg ihr die Hand auf. Dann wird sie wieder lebendig.“ Das ist sehr erstaunlich aus dem Munde eines Synagogenvorstehers, wenngleich nicht auf jener Höhe der Erkenntnis der Jesu eigenen Allmacht, die dem Hauptmann von Karphanaum eigen war: „... sprich nur ein Wort und mein Bursche wird gesunden“ (Mt. 8:8).

Jesus hat ein gutes Herz und setzt sich sofort in Bewegung, wie es wortwörtlich übersetzt heissen müsste. Eine ganze Volksmenge begleitet Ihn (Mk. 5:24; Lk. 8:42).

„Und siehe, da trat ein Weib, das seit zwölf Jahren an Blutfluss litt, von hinten hinzu und berührte den Saum seines Kleides.“ Unerschöpflich ist des Herrn Vorsehung: Das im Sterben liegende Mädchen ist so alt wie die Krankheit der armen Frau!

Der Blutfluss, heute nicht nur heilbar, sondern auch eine von vielen Krankheiten, war damals eine besondere Plage, denn die Betroffene galt gesetzlich als unrein. Alles was sie berührte oder wer sie berührte, wurde unrein. Wer auch nur mit etwas, was sie berührt hatte, in Kontakt kam, war unrein bis zum Abend und musste sich und seine Kleider waschen (Lev. 15:19-33). Gesellschaftlich war diese arme Frau also gleich der Aussätzigen.

Markus erzählt uns noch dazu, dass sie all ihr Vermögen für die nutzlosen Quälereien der Ärzte ausgegeben und sich ihr Leiden nur verschlimmert hatte. Die Medikamente der damaligen Ärzte variierten zwischen vernünftig und absurd. Vernünftig waren Mittel wie in den Wein gegebener Kümmel, persische Zwiebeln, Krokus, Aloe etc., aber ein Gerstenkorn, das man im Kot eines weissen Maultieres gefunden hatte, drei Tage lang in der Hand getragen und die Asche eines verbrannten Strausseneis erinnern eher an Shakespeares Hexenküche.

Die Frau hatte von Jesus gehört (Mk. 5:27) und war wahrscheinlich nicht aus der Gegend. Hier ist ein Hinweis des Eusebius interessant, der von einem, an das Wunder erinnernden, eisernen Standbild in Paneas, also Caesarea Philippi, berichtet.

Die Frau sagt sich also: „Wenn ich auch nur sein Kleid berühre, wird mir geholfen sein“ (Mk. 5:28). Sie schleicht sich also von hinten an Jesus heran in der Hoffnung, nicht gesehen und als Unreine erkannt zu werden, und sie berührt den Saum – fimbriam – Seines Mantels, möglicherweise also nicht den Saum, sondern eine der fimbriae – der Quasten: Jeder Israelit musste an vier Zipfeln seines Obergewandes Quasten tragen, die ihn an die Gebote Gottes erinnern sollten, wie schon im Buch Numeri (15:38ff.) und Deuteronomium (22:12) zu lesen. Es ging ihr also, die den hohen Herrn nicht verunreinigen wollte, um die geringstmögliche Berührung. Ihr sichtlich tiefer Glaube ist auch nicht frei von Aberglauben, denn offensichtlich meint sie, dass die Berührung an sich sie heilen würde. Sie wird sofort geheilt, aber Christus hat sie bemerkt. Auch hier ist Markus genauer: „Sogleich wandte sich Jesus, da er in sich erkannte, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, zum Volke und sprach: Wer hat meine Kleider angerührt? Seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, wie dich das Volk drängt, und fragst: Wer hat mich angerührt? Und er blickte umher, um die zu sehen, welche es getan hatte. Da kam das Weib voll Bangigkeit und zitternd, wohl wissend, was an ihr geschehen war, fiel vor ihm nieder und sagte ihm alles nach der Wahrheit“ (Mk. 5:30-33).

Jesus will die Geheilte nicht ziehen lassen in dem Irrglauben, dass die heimlich erstohlene Heilung wirklich aus der Berührung kam: „Mut, meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Wohl hat sie die Berührung gesund gemacht, aber nicht an sich, sondern ihr Glaube. In diesem Evangelium liegt auch eine der Begründungen der katholischen Reliquienverehrung. So wie die Quaste am Gewand des Heilands, kann auch der Knochen eines Märtyrers die Heilung vermitteln, aber es ist eben nicht der Knochen, sondern der Glaube des Betroffenen!

Auf das Mysterium der Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in der Person Jesu Christi weist der Satz im Markusevangelium hin: „Sogleich wandte sich Jesus, da er in sich erkannte, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, zum Volke...“ (Der Satz kommt im heutigen Evangelium nicht vor, sollte aber hier besprochen werden, um im Zusammenhang zu bleiben). Auch aus anderen Stellen im Evangelium erhellt, dass Christus, noch nicht auferstanden und verklärt, in Seinem menschlichen Gehirn nicht das Allwissen Gottes aufgenommen hat. Sicher stand dem ohne Erbsünde geborenen Heiland das gesamte menschliche Gehirn zur Verfügung und nicht nur ein Fünftel, soweit wir das überhaupt wissen können, aber die Allwissenheit Gottes passt in kein menschliches Gehirn. Nachdem Christus aber auch kein Schauspieler war, müssen wir den Satz des Markus wortwörtlich nach seinem einfachen Sinn interpretieren. Daraus folgt, dass die Kranke nicht durch einen Willensakt des Gottmenschen Jesu, sondern durch Gott, mit dem Leib Christi als Werkzeug geheilt wurde. Das Sakrament vermittelt ja auch aus sich die von Gott geschaffene Gnade. Christi von Gott durchdrungener Körper spürt die Heilkraft, die in Ihm liegt und die plötzliche Ermüdung, die durch den Kräfteverlust eintritt. Denken wir an das Wort des Isaias (53:4): „Er hat unsere Krankheiten auf sich genommen und sich unsere Leiden aufgeladen.“

Die Frau wurde also wirklich durch die Berührung geheilt, warum aber dann nicht alle anderen, die Ihn berührten? Die Frau berührte Ihn im Glauben! —

Christus kommt also im Hause des Vorstehers an. Das Mädchen ist tot und das rituelle Traueraufgebot bereits anwesend, im Begriff, das Achweii-Geschrei anzustimmen. „Das Mädchen ist gar nicht tot. Es schläft nur.“ Die Umstehenden lachen ihn aus, denn sie wissen, dass das Kind tot ist. Auch Jesus weiss es, aber für Ihn ist der Tod nur ein Schlaf. Er, der in Seiner Person mit der menschlichen auch die Natur des Schöpfers vereint, kann den Tod nicht als einen endgültigen Abgrund sehen. Er weiss um die Natur der menschlichen Existenz auf der Erde, dem Wartesaal in die Ewigkeit.

Jesus schickt die aufgebrachte Menge weg, um sie nicht durch ein weiteres Wunder endgültig ausarten zu lassen. Nur mit Petrus, Jakobus und Johannes (Mk. 5:37) geht er in das Haus und nimmt die Hand des Mädchens in die Seine. Das Mädchen steht auf. Um seine Eltern aus dem Schock zu holen und wahrscheinlich auch aus seinem ärztlichen Wissen, gebietet Er ihnen, der Tochter was zu essen zu geben. „Dann gebot er ihnen nachdrücklich, dass niemand es erführe“ (Mk. 5:43). Dies tat er wohl, um für den Moment für Ruhe zu sorgen, denn auf Dauer konnten die Eltern das Mädchen ja nicht wegsperren, und „die Kunde davon verbreitete sich in jener ganzen Gegend“.

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