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Vierzehnter Sonntag nach Pfingsten (5. September 2004) Mt. 6:24-33.

Zur Zeit Jesu gab es tatsächlich Sklaven, die im Dienste zweier Herren standen. Seine Zuhörer verstanden also sofort, was Er meinte. „Ihr könnt nicht Gott und dem Mamon dienen.“ Christus spricht damit ganz und gar kein Besitzverbot aus, das doch ein aus dem Naturrecht, nämlich dem siebenten Gebot entspringendes – im eigentlichen Sinne – Menschenrecht ist. Er hatte Selbst bis zum dreissigsten Jahr mit Joseph und Maria ein eigenes Haus mit Werkstatt bewohnt. Christus aber hat niemals dem Mamon gedient. Besitz haben ist eine Sache, dem Besitz dienen eine andere. Selbst der bescheidene Mensch, der keinen Luxus begehrt, sondern sich mit einer Wohnung mit vielen Büchern und einem vollen Eisschrank zufrieden gibt, „dient“ dem Mamon solange, bis er dieses Ziel erreicht hat.

„Sorget nicht ängstlich für euer Leben.“ Auch hier verbietet Christus nicht die Sorge um das tägliche Leben, schon gar nicht einem Familienvater von acht Kindern, der oft im Beruf unzählige Demütigungen erdulden muss, um seine Arbeit nicht zu verlieren. In der griechischen Übersetzung des Matthäusevangeliums steht nicht das Wort phrontízo = denken, bedenken, Sorge tragen: Die Menschen müssen sich sogar um ihren Lebensunterhalt selbst kümmern, nicht nur nach dem Prinzip: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott,“ sondern gemäss der Aufforderung des heiligen Paulus, „in stiller Arbeit sich ihr Brot selbst zu verdienen“ (2 Thess. 3:12). Hier aber steht das Wort merimnáo = bekümmert sein, grübeln, von mérimna = Sorge, Kummer: „Sorget euch nicht ängstlich.“ Wir dürfen uns nicht von den leiblichen Bedürfnissen derart abhängig machen, dass wir ängstlich in Sorgen und Grübeln versinken, die unsere Seele teilen oder sogar gegen Gott wenden.

Unser Herr kennt aber die Schwierigkeiten, denen ein Mensch in Not ausgeliefert ist und spricht den Trost aus, indem er auf die Vorsehung Gottes hinweist: Der Herr gibt uns Leib und Leben, wird Er sich nicht dann auch um den Unterhalt kümmern? Christus spricht wie immer im Lichte des Glaubens. Dass der Glaube eine Macht ist, weiss jeder, der einmal Kirchengeschichte und Heiligenbiographien gelesen hat. Erinnern wir uns doch daran, wie Papst Pius X. gegen den ausdrücklichen Rat seines anwesenden Sekretärs einen Scheck für eine Million Lire, damals eine phantastische Summe, für einen wohltätigen Zweck ausstellte mit der üblichen Feststellung: „Deus providebit“ (Gott wird vorsorgen). Buchstäblich der nächste Audienzbesucher überreichte dem heiligen Papst eine Spende von einer Million Lire.

Unser Herr, der Allwissende, sieht in den Gesichtern der Menge die Sorgen und er wird noch eindringlicher: Was nützt uns denn all das Grübeln, wenn wir damit nicht einmal unserer „Leibeslänge auch nur eine Elle“ hinzufügen können? Aus dem griechischen Text kann man übrigens auch lesen: „der Lebenslänge auch nur eine Elle hinzufügen“, was in diesem Zusammenhang sicher mehr Sinn ergibt. Der eigenen Leibeslänge gleich eine Elle hinzufügen, ist ja keine wirkliche Kleinigkeit, aber Jesus will sagen, dass wir mit allen unseren Sorgen unser Leben nicht einmal um eine Kleinigkeit verlängern können. Im Gegenteil, die Wissenschaft beweist, dass man mit unnötigen Sorgen das Leben höchstens verkürzt.

Wenn wir getan haben, was wir können, dann sollten wir uns in die Hände Gottes geben. Sehr oft bestraft der liebe Gott den Mangel an Vertrauen in Ihn, indem Er zulässt, dass unsere Bemühungen tatsächlich nicht ausreichen und die Lage scheinbar hoffnungslos wird.

Wir müssen verstehen, dass Vertrauen und Glaube zusammengehören. Der Glaube ist eben nicht nur das Credo und die Lehre der Kirche. Ich kann noch so fest und so oft den Inhalt des Credo und der kirchlichen Lehrsätze bejahen, ich kann sie in aller Welt predigen, aber wo ist mein Glaube, wenn ich nach getaner Arbeit den Rest des Tages mit sorgenvollem und ängstlichem Grübeln verbringe. Ist es möglich, an Christus zu glauben und kein Vertrauen in Ihn zu haben? Nein!

Das Gegenteil ist der Fall: Ohne Vertrauen kann es gar keinen Glauben geben, denn – philosophisch betrachtet – beginnt jeglicher Glaube mit dem Vertrauen: Die Gläubigen unterscheiden sich von den Gläubigern nur in der Art des Vertrauens. Ich leihe doch kein Geld her, wenn ich kein Vertrauen in den Schuldner haben kann, darum gibt es in unserem ehrlosen Zeitalter auch keinen Kredit ohne Sicherheiten. Der Glaube beginnt eben in der Natur des Menschen mit einem anfänglichen Vertrauen in Jesu Christi Wahrheit, sei es, dass mir Seine Lehre einleuchtet, oder ich dem, der sie mir präsentiert vertraue oder mich die Wunder unseres Herrns überzeugen, dass Jemand, Der das zu tun imstande ist, auch die Wahrheit sagen muss. Es ist schlechteste Theologie, wenn man dem Zweifler entgegenwirft: „Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, aus fertig, basta!“ Wieviele Bekehrungen sind so durch dumme Priester verhindert worden! Wohl ist der Glaube ein Geschenk, eine Gnade, gratia, aber jede gratia praesupponit naturam, wie Thomas sagt, jede Gnade setzt die Natur voraus. Das ist nicht umgekehrt so. Darum ist die Kirche auch gegen die Zwangstaufe, denn mit der Taufe erhält man das Geschenk des Glaubens, aber dieses Geschenk kann sehr wohl auf unfruchtbaren, ja sogar vernichtenden Boden fallen und die Gnade sich in Fluch verwandeln. Soll die Gnade des Glaubens auf fruchtbaren Boden fallen, dann muss vorher der natürliche Glaube, auf dem natürlichen Vertrauen in Christus aufbauend, ein tieferes natürliches Vertrauen und Interesse in Christus hervorbringen.

Ein Mensch, der sich Katholik nennt und kein Vertrauen auf Gottes Vorsehung hat, ist wie ein Analphabet mit einer Bibel unter dem Arm.

Die aufmerksame Lektüre dieses Evangeliums zeigt auch deutlich, dass Christus diese kleingläubigen Fragen, was werden wir morgen essen oder trinken, in Seiner tiefsten Seele zuwider sind und Er wird ärgerlich: „Um all das bekümmern sich die Heiden.“ Er spricht also von den Gottlosen, die keinen Himmel haben und sich die paar Erdentage so schön wie möglich gestalten müssen, was ja eigentlich ein Akt des Verzweifelten ist, der meint, danach käme nur noch das grosse Nichts.

„Euer Vater weiss ja, dass ihr dies alles braucht.“ Dieser Satz Christi verhallt sehr oft ins Leere. Wie oft kann auch der Priester erleben, dass nach der Messe, in der er dieses Evangelium vorgelesen, dann darüber gepredigt und dann mit den Gläubigen das Credo gesungen hat, am Kirchenplatz die Fragen entgegenhallen: „Was wird mit uns nur alles geschehen in der heutigen Zeit?“ „An wen soll ich mich wenden?“ „Wo sollen wir das nur herbekommen?“ Jeder normale Mensch wäre zurecht beleidigt, würde man ihm offen so wenig Vertrauen entgegenbringen, wie es gerade am Kirchenplatz nach der Messe Christus entzogen wird.

„Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugegeben werden.“

Wer an einen Vater im Himmel glaubt, hat tatsächlich andere Sorgen, zum Beispiel die Sorge, wie man mit seiner „Lieblingssünde“ fertig wird, wie man sich in der Liebe Gottes schult, denn auch diese Gnade der charitas braucht ihr Naturfundament, in dem man lernen muss, das eigene Ich, also den Zorn, die Rachsucht, den Neid, die Eifersucht, vor allem aber den Stolz zu unterdrücken. Wer also nicht das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sucht, dem wird wahrscheinlich das andere auch nicht hinzugegeben werden.

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