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Fünfter Sonntag nach Pfingsten (4. Juli 2004) Mt. 5:20-24.

„Ich aber sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich eintreten.“ Die Gerechtigkeit der Pharisäer war nichts anderes als das Leben und Vorzeigen dessen, was die Schriftgelehrten aus dem Gesetze herauslasen oder in dasselbe hineinlasen. In dieser Lehre war der Mensch fähig, seine Erlösung selbst zu erwirken, es bedurfte also keines Messias für diese Aufgabe. Letzterer wurde nur für die politische Befreiung erhofft. Das Gesetz mit seinen 248 Geboten und 365 Verboten war als moralische Norm ausreichend für den Sieg über den bösen Trieb im Menschen, das eigentliche Konzept der Erbsünde kannten sie nicht. Wer sich an den Buchstaben des Gesetzes hielt, war gerecht. Darum auch die arrogante Verachtung des „wissenden“ Pharisäers für den ignoranten Sünder, der die Gebote bricht und die Verbote ignoriert. Der Gerechteste musste also unter denen sein, die die 613 Gesetze kannten und ihre unzähligen Auslegungen und sich auch daran hielten. Dies ergibt aber ein Bild Gottes als Buchhalter, der genau alle Verstösse und Verdienste in das Konto des einzelnen Menschen einträgt.

Dass das Urteil Gottes aber ein Gesamturteil über die Gesinnung eines Menschen ist und dies auch noch im Lichte der Barmherzigkeit, die zum Beispiel eine Bekehrung am Totenbett annimmt, das war den Pharisäern unbekannt. Die äusserliche Korrektheit des Einhaltens von Hunderten von Vorschriften war entscheidend, nicht die innere Heiligkeit.

Darum wird es auch, solange es Menschen gibt, Pharisäer geben, die in ihrem unintelligenten Hochmut klare Massstäbe anlegen wollen an etwas, was nur Gott, der alleine in die Herzen schaut, beurteilen kann.

Gerade die innere Heiligkeit aber geht über die Macht des Menschen, womit ein Erlöser benötigt wird und die Gnade. Mit diesem Ausspruch also zerstörte unser Herr die pharisäische Gesetzesauffassung und die sittliche Grundanschauung auf der sie ruhte.

Die Pharisäer hätten von ihren klerikalistischen Thronen steigen müssen und sich mit dem Sünder reumütig auf die Brust klopfen: „Herr, sei mir armen Sünder gnädig.“ Saulus hat es später getan, nicht aber die Pharisäer, die nicht von ihren Thronen steigen wollten. So war es dieser Satz, der Christus ans Kreuz brachte.

Christus will aber nicht das Gesetz aufheben, sondern den Begriff der Gerechtigkeit und Heiligkeit zurechtrücken, darum sagt er auch: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist...“ Nicht das geschriebene Wort Gottes ist Seinem Angriff ausgesetzt, sondern dessen Interpretation. Die Juden blieben immer nur beim Buchstaben des Gesetzes stehen – was den Pharisäern unserer Zeit genauso eigen ist – statt zu untersuchen, welche Gesinnung Gott vom Menschen erwartet. Die Absurdität der pharisäischen Auslegung zeigt sich schon darin, dass jemand, der eine Giftschlange auf seinen Nächsten losliess, unschuldig war, denn die Schlange hatte ihn ja getötet.

Gottes Gebote sind eben kein Kodex, wie so mancher primitive Beichtvater seit jeher glaubt, sondern moralische Prinzipien und Naturrecht. Unter den schlimmsten Interpretationen der Bergpredigt ist die, die Christus unterstellt, eine alte Rechtssatzung durch eine neue ersetzt zu haben! Keine Liste von Vorschriften ist es, die Christus in der Bergpredigt gibt, wenngleich er sich zum Teil der Verständlichkeit halber in der Sprache der Pharisäer ausdrückt, sondern die Anleitung zur richtigen Geisteshaltung:

Was liegt denn dem Mord zugrunde, wenn nicht Hass, Neid oder Eifersucht? Käme jeder Mensch in die Hölle, der einen anderen schon einmal „Dummkopf“ nannte – das syrische Wort „Raka“ ist noch viel weniger beleidigend – wäre der Himmel leer. Man erinnere sich nur an das Verhalten so mancher Kirchenväter untereinander, aber auch hier gibt Christus keinen Kodex, sondern den Hinweis auf die richtige Einstellung. „Raka“ ist keine eigentliche Beleidigung, sondern ein syrisches Bauernwort der Geringschätzung, etwa wie „He, du da!“ Das Wort „Trottel“ oder „Depp“ kann ja sogar liebevoll gebraucht werden, Christus aber geisselt die Verachtung, die Geringschätzung, vor allem aber den hochmütigen Perfektionsglauben der Pharisäer, die sich für nahezu vollkommen hielten, obwohl sie zum Teil Lügner, Diebe und Mörder waren.

Er verurteilt auch die Geringschätzung für denjenigen, der dort, wo keine geoffenbarte oder definierte Wahrheit vorliegt, anderer Meinung ist: Wer in allem die, die anders denken, verurteilt, ist nicht nur ein Sektierer, sondern ein potentieller Mörder. Was würde er bloss tun, gäbe es nicht die Bedrohung durch das profane Gesetz? Er würde den Andersdenkenden dem Hungertod aussetzen, verfolgen, verhaften oder töten!

Das fünfte Gebot beginnt eben nicht beim Mord sondern beim Hass, beim Zorn, ja sogar schon bei der wirklichen Verachtung, die sich nicht mit der Distanz begnügt, sondern verfolgt. Im Grunde genommen liegt der Anfang der Taten gegen dieses Gebot bei der Beleidigung: Der Mönch, der beim Austeilen des Abendessens im Refektorium des Klosters einen Mitbruder durch ein geflüstertes Wort, das nur die beiden verstehen, tödlich beleidigt, hat im Grunde genommen ähnlich gegen die Charitas gesündigt, wie der Mörder. Wenn Dritte beteiligt sind, dann gibt es hier auch die Verknüpfung mit dem achten Gebot, man spricht nicht umsonst vom Rufmord.

Schliesslich weist Christus darauf hin, dass oft derjenige, der das dem Kodex entgegenstehende Verhalten verursacht, der eigentliche Schuldige ist, so wie die Person, die mit ihrem Auto auf der zweispurigen geraden Strasse 40 km/h fährt und dadurch riskante Überholmanöver provoziert.

Folgerichtig wendet sich Christus im nächsten Satz nicht an denjenigen, der zürnt, sondern an den, der diesen Zorn verursacht. Christus misst dieser Ursache für die Sünde enorme Wichtigkeit bei, eine Wichtigkeit, die sogar über den Kult, also bei uns die Liturgie, geht:

„Wenn du daher deine Gabe zum Altare bringst und daselbst dich erinnerst, dass dein Bruder etwas wider dich hat, so lass deine Gabe vor dem Altare und geh zuvor hin, dich mit deinem Bruder zu versöhnen, und dann komm und opfere deine Gabe.“

Es ist aufschlussreich, dass Christus völlig offen lässt, warum der Bruder einem zürnt, ob zu recht oder zu unrecht! Das ist eben die eigentliche Bedeutung des „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Wie kann ich zur Beichte gehen, wenn ich meinen Mitmenschen nicht vergeben habe? Es ist doch zweierlei, ob mir jemand Geld schuldet, oder ob ich ihm deswegen böse bin. Das gleiche gilt für die oben erwähnten Andersdenkenden. Muss man denn vom Extrem des gesinnungslosen Liberalen in das Extrem des „Tradi-Sektierers“ rutschen, der nicht vergibt und sich zum universalen Richter aufschwingt?

Hier ergibt sich auch die peinliche Frage, wieviele sogenannte echte Katholiken der Tradition überhaupt noch an der Kommunionbank auftauchen dürften, ganz zu schweigen von so manchem Zelebranten, der einen Kaiphas oder sogar Annas erbleichen lassen würde...

„Wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Herr, sei mir armen Sünder gnädig!

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